Aus: Ausgabe vom 04.03.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Ein allgewaltiger Regisseur

Der Sturz der Zarenmonarchie war kein Wunder. Lenin über die Februarrevolution

Die erste vom imperialistischen Weltkrieg erzeugte Revolution ist ausgebrochen. Diese erste Revolution wird sicher nicht die letzte sein.

Die erste Etappe dieser ersten Revolution, nämlich der russischen Revolution vom 1. März 1917, ist, nach den in der Schweiz vorliegenden kargen Nachrichten zu urteilen, abgeschlossen. Diese erste Etappe ist sicher nicht die letzte Etappe unserer Revolution.

Wie konnte solch ein »Wunder« geschehen, dass in einer Zeitspanne von nur acht Tagen (…) eine Monarchie zusammenbrach, die sich Jahrhunderte gehalten und sich in den Jahren 1905–1907, drei Jahren gewaltiger Klassenschlachten des gesamten Volkes, trotz alledem behauptet hatte?

Wunder gibt es weder in der Natur noch in der Geschichte, aber jede schroffe Wendung der Geschichte, darunter auch jede Revolution, offenbart einen solchen Reichtum an Inhalt, entfaltet so unerwartet eigenartige Kombinationen der Kampfformen und der Kräfteverhältnisse der Kämpfenden, dass dem spießbürgerlichen Verstand vieles als Wunder erscheinen muss.

Damit es möglich wurde, dass die Zarenmonarchie im Laufe von wenigen Tagen zusammenbrach, musste eine ganze Reihe Umstände von weltgeschichtlicher Bedeutung zusammentreffen. Führen wir die wichtigsten von ihnen an.

Ohne die drei Jahre von 1905 bis 1907, drei Jahre gewaltigster Klassenschlachten und größter revolutionärer Energie des russischen Proletariats, wäre eine so rasche zweite Revolution, rasch in dem Sinne, dass sie ihre Anfangsetappe in wenigen Tagen durchlaufen hat, unmöglich gewesen. Die erste Revolution (1905) hat den Boden tief aufgewühlt, hat jahrhundertealte Vorurteile ausgerottet und Millionen Arbeiter und Dutzende Millionen von Bauern zum politischen Leben und zum politischen Kampf erweckt, sie hat alle Klassen (und alle wichtigen Parteien) der russischen Gesellschaft voreinander und vor der ganzen Welt in ihrer wahren Natur gezeigt, in dem wirklichen Wechselverhältnis ihrer Interessen, ihrer Kräfte, ihrer Aktionsmethoden, ihrer nächsten und weiteren Ziele.

Die erste Revolution und die darauffolgende Epoche der Konterrevolution (1907 bis 1914) hat das ganze Wesen der Zarenmonarchie bloßgelegt, hat sie an die »äußerste Grenze« geführt, hat ihre ganze Fäulnis und Niedertracht enthüllt, den ganzen Zynismus und die ganze Verderbtheit der Zarenclique mit dem Ungeheuer Rasputin an der Spitze, alle Bestialitäten der Familie Romanow, dieser Pogrombanditen, die Russlands Boden mit dem Blut der Juden, Arbeiter und Revolutionäre tränkten, die sich als Gutsbesitzer die »Ersten unter Gleichen« nennen, die Millionen Desjatinen Land besitzen und zu jeder Bestialität, zu jedem Verbrechen fähig sind, die bereit sind, jede beliebige Anzahl Menschen zugrunde zu richten und umzubringen, um ihr »heiliges Eigentum« und das ihrer Klasse zu erhalten.

Ohne die Revolution von 1905–1907, ohne die Konterrevolution von 1907–1914 wäre eine so genaue »Selbstbestimmung« aller Klassen des russischen Volkes und der Russland bewohnenden Völker, wäre eine Bestimmung der Beziehungen dieser Klassen zueinander und zur Zarenmonarchie, wie sie in den acht Tagen der Februar-März-Revolution 1917 erfolgt ist, unmöglich gewesen. Diese achttägige Revolution ging – wenn das Bild erlaubt ist – so »über die Bühne«, als hätten vorher ein Dutzend Proben und Generalproben stattgefunden; die »Akteure« kannten einander, ihre Rollen, ihre Plätze, die Szenerie aufs genaueste, bis in die kleinsten Einzelheiten, kannten alle einigermaßen bedeutenden Schattierungen der politischen Richtungen und Aktionsmethoden.

Damit aber die erste, die große Revolu­tion von 1905 (…) zwölf Jahre später zu der »glänzenden«, »glorreichen« Revolu­tion von 1917 führen konnte (…) – so war dazu ein großer, mächtiger und allgewaltiger »Regisseur« notwendig, der imstande war, einerseits den Gang der Weltgeschichte ungeheuer zu beschleunigen und anderseits weltumfassende Krisen, wirtschaftliche, politische, nationale und internationale Krisen von ungeahnter Intensität hervorzurufen. Außer der ungewöhnlichen Beschleunigung des Ganges der Weltgeschichte waren besonders schroffe Wendungen in ihrem Verlauf notwendig, damit bei einer dieser Wendungen der Karren der blut- und schmutzbesudelten Romanowschen Monarchie so schlagartig umstürzen konnte. Dieser allgewaltige »Regisseur«, dieser mächtige Beschleuniger war der imperialistische Weltkrieg.

W. I. Lenin: Briefe aus der Ferne. Brief 1. Die erste Etappe der ersten Revolution. Geschrieben am 7. (20. nach dem heute verbreiteten gregorianischen Kalender) März 1917. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1968, Seiten 311–313. Die insgesamt fünf »Briefe aus der Ferne« schrieb Lenin in der Schweiz Ende März und Anfang April 1917 für die bolschewistische Zeitung Prawda, die in Petrograd nach der Februarrevolution wieder zu erscheinen begann. Brief 1 wurde dort mit Kürzungen am 21. und 22. März 1917 in den Nr. 14 und 15 veröffentlicht.

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