Aus: Ausgabe vom 12.01.2017, Seite 1 / Titel

Vertrauen verzockt

Weltwirtschaftsforum sorgt sich: An den Traum vom Leben im Wohlstand glauben im Kapitalismus immer weniger

Von Simon Zeise
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An die Mär »Vom Tellerwäscher zum Millionär« glaubt kaum noch jemand

Man lernt nie aus. Das »Weltwirtschaftsforum« klärte am Mittwoch in London über globale Risiken 2017 auf. Im Report werden nicht etwa die zunehmenden Interventionskriege des Westens als Ursache für weltweite Instabilität benannt. Die erlauchte Zunft neoliberaler Ökonomen warnt vielmehr vor dem Aufstieg von »Populisten«.

Vom 17. bis zum 20. Januar treffen sich im schweizerischen Davos etwa 3.000 Manager, Investmentbanker und Politiker zum 47. World Economic Forum (WEF) – dieses Jahr unter dem Motto »Anpassungsfähige und verantwortungsvolle Führung«. Der am Mittwoch vorgestellte »Global Risk Report 2017«, für den 750 Manager und Wirtschaftswissenschaftler befragt worden waren, vermittelt einen Eindruck von der Stimmung, die beim Stelldichein der Kapitalisten herrschen wird. »Das Jahr 2017 ist ein entscheidender Zeitpunkt für die Weltgemeinschaft«, schrieb der deutsche WEF-Gründer Klaus Schwab im Vorwort des Berichts.

Der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union, die anstehende Übernahme der US-Präsidentschaft durch Donald Trump sowie das verlorene Verfassungsreferendum des italienischen Premiers Matteo Renzi seien Ausdruck der Vertrauenskrise großer Teile der Bevölkerung im »Westen«. Und nicht nur dort. »Variationen von Unsicherheit und Instabilität« fänden sich auch in der Türkei, Brasilien und auf den Philippinen wieder. Obwohl wissenschaftlich bewiesen sei, dass der Welthandel zu mehr Reichtum führe, nehme die Skepsis gegenüber der Globalisierung zu, haben die »Wissenschaftler« herausgefunden. »Viele fragen sich, ob die Krise der etablierten politischen Parteien in den westlichen Demokratien nicht eine Krise der Demokratie an sich darstellt.« Nüchtern konstatierten die Weltwirtschaftler: »Diese Entwicklungen sollten uns nicht überraschen.« Die westliche Wertegemeinschaft hat das in sie gesetzte Vertrauen verzockt.

Die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme stehe auf der Kippe. Während in früheren Zeiten der technische Fortschritt zwar alte Arbeitsplätze vernichtet, aber auch neue Jobs geschaffen habe, habe sich dieser Prozess »verlangsamt«. Die zunehmende Ungleichheit von Einkommen und Vermögen sei die wichtigste Herausforderungen für die weltweite Entwicklung in der kommenden Dekade. Das reichste eine Prozent der Bevölkerung konzentriere seit den 80er Jahren immer größeren Wohlstand in seinen Händen. Morbide wird die Marktmacht: Das Wirtschaftswachstum, das noch nicht das Niveau vor dem Finanzcrash 2008 erreicht habe, müsse »wiederbelebt« werden. Doch der gesellschaftliche Zusammenhalt könne dadurch allein nicht gekittet werden, zu groß sei bereits die Anti-Establishment-Stimmung von Populisten, denen vor allem die Alten und wenig Gebildeten auf den Leim gingen. Die Lösung für das Kapital? »Die Reform des Marktkapitalismus muss auf die Agenda.« Welche grundlegenden Schritte dafür unternommen werden müssten, gaben die feinen Herren nicht zum besten. Nur eine sizilianische Botschaft wurde an die Lohnabhängigen ausgesandt: »Unser System der globalen Zusammenarbeit muss gestärkt und beschützt werden.« Hinzuzufügen wäre: Bis im Irak, in Syrien und in Afghanistan jeder Säugling Coca-Cola trinkt.

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