Aus: Ausgabe vom 31.03.2016, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Die eigene Verantwortung

Zu jW vom 23. März: »Blutbad in Brüssel«

(…) Wir müssen uns fragen, ob der »freie Westen« mit seiner rücksichtslosen Wirtschaftspolitik und seinen unnötigen Kriegen, aber auch mit der Vernachlässigung junger Migranten aus den ehemaligen Kolonien in den letzten Jahrzehnten nicht vielleicht dazu beigetragen hat, Hass auf Europa und den Westen und seine aufwendige Zivilisation zu lenken, der nun auch hier bei uns Opfer fordert, für die wir vielleicht selbst die Verantwortung tragen.
Man hat oft den Eindruck, dass unsere Bevölkerung sich nur wenig um das kümmert, was ihre Volksvertreter außerhalb unserer Grenzen anrichten. Das birgt die Gefahr in sich, dass wir, die wir uns bisher in der »Festung Europa« sicher gefühlt haben, mehr und mehr in die neue Gewalttätigkeit moderner Außenpolitik hineingezogen und selbst Opfer werden, ohne uns über die Ursachen klar zu sein und die Folgen abwenden zu können.
Ich denke, dass es höchste Zeit ist, dass wir unsere politische Klasse bei ihren Aktivitäten besser überwachen und auch selbst die Verantwortung ernster nehmen, die wir mit ihrer Wahl – gewollt oder nicht! – auf uns genommen haben.

Ludwig Schönenbach, per E-Mail

Ursachen klar benennen

Zu jW vom 23. März: »Blutbad in Brüssel«

Natürlich ist dieser Terror zu verurteilen, zumal er mit menschlicher Vernunft nichts gemein hat, nur müssen auch immer die Ursachen dafür ebenso klar benannt werden. Und während ich Patrik Köbele uneingeschränkt zustimme, kann ich dies nicht bei der Aussage des Vorsitzenden der linken Partei der Arbeit Belgiens, Peter Mertens, wenn er u. a. betonte: »Wir werden niemals vor den Wahnsinnigen zurückweichen, die das Zusammenleben mit Terror und Hass zerstören wollen.« Das ist nebulös. Die Wahnsinnigen sitzen doch in Brüssel, Berlin und Washington, in Paris, Ankara sowie in London und haben mit dem wirtschaftlich-militärpolitischen Hegemonialanspruch auf die Welt den Terror in erster Linie zu verantworten. Die Bourgeoisie ist unfähig, die Menschheitsprobleme auch nur im Ansatz gutwillig um des Profites willen zu lösen. Im Gegenteil. Es ist genau so, wie Patrik Köbele ausführte: »Wer Krieg sät, erntet Krieg und Terror.« (…)

E. Rasmus, per E-Mail

Mit Gleichgültigkeit

Zu jW vom 23. März: »Blutbad in Brüssel«

Der türkische Staatspräsident Erdogan ließ öffentlich erklären, dass der eine Terrorist bereits vordem in der Türkei gefasst und wieder freigelassen und nach Belgien ausgewiesen wurde, mit dem Hinweis, dass es sich um einen »ausländischen Kämpfer« handeln würde. Von Unvorsichtigkeit kann schon keine Rede mehr sein. Das ist die Gleichgültigkeit von Verantwortlichen in dieser Gesellschaft, auch wenn dabei Menschen geopfert werden.

Hans-Georg Vogl, Zwickau

Europäischer Standard

Zu jW vom 16. März: »Riga macht sich nazifein« und vom 17. März: »Antifaschisten abgeschoben«

Um die Protestaktionen gegen den jährlich am 16. März in Riga (Lettland) stattfindenden Aufmarsch zu Ehren der Waffen-SS zu unterstützen, folgten wir gerne der Einladung der Organisation »Lettland ohne Nazismus« und der Jüdischen Gemeinde Rigas. Der skurrile Zug mit uniformierten Veteranen der lettischen Legion der Waffen-SS, ihren Angehörigen, Burschenschaftlern und Nazisympathisantinnen und -sympathisanten aus Lettland, Estland, Litauen und der Ukraine führte nach dem von einem riesigen Polizeiaufgebot geschützten Gottesdienst in der St. Peter Kirche – angeführt von einem Geistlichen – zum Aufmarschplatz am »Freiheits«-Monument. Etwa 100 Meter entfernt war in einem angrenzenden Park die antifaschistische Protestaktion angemeldet, bei der Hunderte von Namen der von den NS-Kollaborateuren ermordeten Rigaer Jüdinnen und Juden vorgelesen wurden.
Schon bei unserer Ankunft in Riga wurden wir anhand »schwarzer Listen« überprüft, ständig von Polizei in Uniform und Zivil begleitet, kontrolliert, nach anderen aus der BRD angereisten Leuten befragt, abfotografiert, aufgehalten und belästigt. Im Hotel wurde eine ältere Mitstreiterin, die ebenfalls die Einreise in den EU-Staat geschafft hatte, nach dem Einschlafen von der Immigrationspolizei aus dem Bett geholt, und andere wurden früh morgens zur Kontrolle und Einschüchterung geweckt usw. Dieses Verhalten der lettischen Behörden gegenüber Antifaschistinnen und Antifaschisten ist offensichtlich inzwischen europäischer Standard. Wir erinnern uns an die Einreiseverbote für Menschen aus dem Nachbarland Österreich zur Zeit des G-7-Gipfels in Bayern und an die Einreiseverbote nach Deutschland für die Musikerinnen und Musiker der antifaschistischen türkischen Band Grup Yorum im vergangenen November (jW vom 4.11.2015). Aktionen von Demonstrierenden, Protestierenden und »Dissidenten« werden unter Merkel, Gabriel, Gauck und Konsorten offensichtlich nur noch »erlaubt« oder überhaupt wahrgenommen, wenn sie als chinesische Künstler »parteikritisch« sind oder gar gegen Putin auftreten. Widerstand, Solidarität und Antifaschismus sind dringend notwendig!
Martha Metzger und Franz Egeter, KV Augsburg der VVN-BdA

Unbedingtes Mitregieren

Zu jW vom 17. März: »In der Moderne«

Man möge sich bitte erinnern, dass Gregor Gysi derjenige war, der sich frühzeitig der SPD anbiederte und danach Bündnis90/Die Grünen. Der Grund war nicht, dass diese Parteien sich in Richtung »links« entwickelt hatten, sondern dass sich Die Linke unter Aufgabe ihrer im Erfurter Parteiprogramm festgelegten »roten Haltelinien« und um des unbedingten Mitregierens willen hin zu SPD und Grünen bewegte. Stammt nicht auch von Gysi der Satz: »Wenn wir nicht mehr unterscheidbar von der SPD sind, wird Die Linke überflüssig«? Jetzt geht Gysi noch einen Schritt weiter und blinkt rechts, weil der linke Blinker nicht mehr zum Mitregieren reicht. Das dürfte für viele linksorientierte Bürger in diesem Land ein Schock sein.
Carsten Hanke, Lambrechtshagen

Wir müssen uns fragen, ob der »freie Westen« mit seiner Wirtschaftspolitik und seinen Kriegen dazu beigetragen hat, Hass auf Europa zu lenken, der nun auch hier bei uns Opfer fordert.