Aus: Ausgabe vom 31.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Flieg, Eddie, flieg

Denn runter kommen sie immer: Eine Komödie über das dick bebrillte Leben eines ­britischen Ausnahmesportlers

Von André Weikard
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Der eine sagt: »Wenn du etwas tust, musst du es auch richtig machen«. Der andere: »Dabei sein ist alles«

Wir lieben sie. Die Chancenlosen und ihre kleinen Triumphe. Wenn St. Pauli gegen die Bayern punktet oder wenn ein 17jähriger Leimener Wimbledon gewinnt. Eddie war so einer. Eddie, the Eagle, ein Underdog, der zum Adler wurde. Michael Edwards, so sein eigentlicher Name, war ein Olympia-besessener Brite, der es weder im Judo noch im Volleyball zu etwas brachte und der deshalb beschloss, Skispringer zu werden. Weitsichtig, dick bebrillt und leicht übergewichtig quälte er sich durch die Qualifikation – und reiste als einziger und bis dahin erster britischer Skispringer aller Zeiten 1988 nach Calgary, um dort Letzter zu werden.

Fast 30 Jahre ist das nun her. Jetzt erzählt ein Kinofilm seine Geschichte. Mit dabei: Iris Berben als notgeile Pensionsbesitzerin, die dem schüchternen Milchtrinker nachstellt und Hugh Jackman (»Wolverine«), der als alkoholkranker Exprofi den sturen Michael Edwards (Taron Egerton) unter seine Fittiche nimmt. Gerade diese Mentor-Schüler-Beziehung macht den Kern der Wohlfühlkomödie aus. Auf der einen Seite der talentierte, aber willensschwache Profi, der unter seiner missglückten Karriere leidet, und auf der anderen Seite der unfähige, aber hartnäckige Amateur, für den 30 Sekunden im Fokus der Fernsehkameras das Glück der Erde bedeuten. Der eine sagt: »Wenn du etwas tust, musst du es auch richtig machen.« Der andere: »Dabei sein ist alles.«

Dieser Gegensatz wird über 110 Minuten durchexerziert. Und das nicht gerade subtil. Überhaupt überzieht diese Komödie von Dexter Fletcher furchtbar. Eddie im Norwegerpulli mit verkrampft nach unten gezogenen Mundwinkeln und einem Gesichtsausdruck wie ein Reh im Scheinwerferlicht erinnert an Diether Krebs’ Kunstfigur »Martin«, sein Gegenstück, der coole Pistenveteran, trägt Lederjacke und Goldkette, nimmt noch einen Schluck aus der Pulle und zündet sich eine Kippe an, ehe er sich vom Scheitel der Schanze abstößt und in die Tiefe braust. Während der eine ein ums andere Mal stürzt und durch den Schnee humpelt, segelt der andere ins Flutlicht.

»Eddie, the Eagle« ist ein Film gegen das Genie und für den Fleiß, ein Plädoyer für den amerikanischen Traum, dass wer nur unermüdlich rödelt, dafür belohnt wird. Eddie schafft die 15-, die 40-, die 70- und auch die 90-Meter-Schanze. Dass er die Landung überlebt, ist ihm genug. Der Spielfilm über ihn begnügt sich mit bisweilen recht plumpem Klamauk. Hugh Jackman zählt bis drei, ehe er nach einem Fausthieb nach hinten umkippt und vergisst nicht, vorher noch die Augen zu verdrehen. Wenn er dem Zögling das Springen lehrt, bemüht er Orgasmusvergleiche von Anspannung und Höhepunkt, die dem offensichtlich jungfräulichen Eddie keine große Hilfe sind. Der lässt sich lieber auf dem Dach eines Bullis stehend über Land kutschieren, um den Fahrtwind zu simulieren, oder hüpft unbeholfen über Baumstümpfe, um die Fitness auf Vordermann zu bringen.

Den Pedanten wird auffallen, dass im Film alle Athleten im V-Stil springen, der erst einige Jahre später von den Punktrichtern akzeptiert wurde. Ganz so steif wie in den TV-Aufnahmen von einst bremst der Film-Eddie dann auch nicht, ganz so drollig stolpert er nicht. Alles geschenkt. Das Schauspiel vom Milchgesichtigen und dem Altalki hat trotzdem seine Momente. Beispielsweise wenn der beschämte britische Sportverband feststellen muss, dass der vermeintliche Schandfleck Eddie zum Publikumsliebling wird. Wir lieben sie einfach. Die am Boden, die ihren Traum vom Fliegen dann doch wahr werden lassen. So auch den Schnauzbärtigen, der immer seine beschlagene Brille poliert.

Übrigens, wenn Sie wissen wollen, was aus Eddie wurde, googlen Sie’s nicht, ich sag’s Ihnen: Der Adler, weltbekannt, schrieb ein Buch, verdiente Hunderttausende und stürzte ab. Schon im Jahr nach Olympia brach er sich das Schlüsselbein. Danach wollte kein Veranstalter den Übermütigen mehr auf die Schanze lassen. Vier Jahre nach Olympia meldete Eddie Privatinsolvenz an. Obwohl er ein Jurastudium abschloss, arbeitete er fortan als Maurer.

»Eddie the Eagle – Alles ist möglich«, Regie: Dexter Fletcher, GB/D/USA 2016, 106 min., Kinostart: heute

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