Aus: Ausgabe vom 30.03.2016, Seite 8 / Ansichten

Flexibler und länger

BDA-Chef will Arbeitszeitgesetz ändern

Von Daniel Behruzi

Vergangenen Sommer war es der Achtstundentag, nun ist es die gesetzliche Höchstarbeitszeit von zehn Stunden pro Tag, die Ingo Kramer von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) unter Beschuss nimmt. Es müsse »möglich sein, auch einmal über zehn Stunden hinaus zu arbeiten und den Ausgleich hierfür an anderen Tagen zu nehmen«, forderte der Unternehmerfunktionär am Dienstag gegenüber dpa. Das wolle er in den »Dialog« mit Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) einbringen. »Es geht nicht darum, die Arbeitszeiten pauschal zu verlängern, sondern flexibler auf die Wochentage verteilen zu können«, so Kramer.

Noch mehr »Flexibilität« also. Als wären die Arbeitszeiten in den vergangenen Jahren nicht schon bis zum Erbrechen dereguliert worden. Im Sinne der Unternehmer, versteht sich. Und das keineswegs nur in Bereichen, in denen eine gewisse Flexibilität unvermeidbar ist, wie in Krankenhäusern oder bei der Feuerwehr. Längst ist es auch in Produktionsbetrieben üblich, die Bänder nachts und am Wochenende nicht mehr anzuhalten. So werden Maschinen noch intensiver genutzt, der Mensch muss sich anpassen.

Durch und durch flexibel muss der Arbeitskräfteeinsatz auch sein, um jederzeit auf Nachfrageschwankungen reagieren zu können. Durch die Produktion von Waren und Dienstleistungen »on demand«, also auf Abruf, regiert der Markt direkt in die Betriebe hinein. Auf Kosten der Gesundheit der Beschäftigten, die nachweisbar unter überlangen und entgrenzten Arbeitszeiten leidet. Auch das soziale Leben kommt unter die Räder, wenn es keine planbaren gemeinsamen Freiräume mehr gibt.

Doch selbstverständlich geht es dem »Arbeitgeberpräsidenten« nicht nur um Flexibilisierung, sondern auch um Verlängerung der Arbeitszeiten. »Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir irgendwann nicht mehr mit 67 Jahren in Rente gehen können«, sagte er gegenüber der Funke-Mediengruppe. Es ist noch keine zehn Jahre her, seit die Regierung die Heraufsetzung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre beschlossen hat. Davor hatte es neun Jahrzehnte lang unverändert bei 65 gelegen. Bis 2029 soll die Erhöhung schrittweise umgesetzt werden. Dennoch trommelt Kramer schon jetzt für eine weitere Anhebung.

Die Argumente sind dieselben wie 2007: Die »Alters- und Gesundheitsentwicklung« erfordere ein längeres Arbeitsleben, weil die Alten sonst nicht versorgt werden könnten. Das ignoriert, dass die Produktivität jedes Jahr wächst, die Gesellschaft immer reicher wird. Vor diesem Hintergrund wären die Verkürzung der Lebens-, Wochen und Tagesarbeitszeiten angesagt, nicht deren Verlängerung.

Die Äußerungen des BDA-Chefs sind eine Kampfansage. Gewerkschaften und Linke sollten nicht nur die gesetzlichen Beschränkungen konsequent verteidigen und ihre Einhaltung einfordern. Eine offensive Auseinandersetzung um Arbeitszeitverkürzung, gegen die Rente mit 67 und für mehr Souveränität der Beschäftigten bei der Arbeitseinteilung wäre die richtige Antwort auf Kramers Dreistigkeiten.