Aus: Ausgabe vom 29.03.2016, Seite 1 / Titel

Massaker am Spielplatz

Bombenanschlag in pakistanischer Metropole Lahore: Mindestens 72 Menschen in Park getötet. Sprecher von Islamistenmiliz fordert Durchsetzung der Scharia

Von Knut Mellenthin
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Angehörige von Opfern des Bombenanschlags trauern am Montag in Lahore

Mindestens 72 Menschen wurden am Ostersonntag durch einen Bombenanschlag in Lahore, der zweitgrößten Stadt Pakistans, getötet. Darüber hinaus gab es mehr als 300 Verletzte. Viele von ihnen befinden sich in kritischem Zustand, so dass die Zahl der Todesopfer noch weiter ansteigen kann. Weil sich der Selbstmordattentäter in unmittelbarer Nähe des Eingangs zu einem Spielplatz in die Luft sprengte, sind unter den Opfern besonders viele Kinder und Frauen. Der Spielplatz gehört zu einem bei der Bevölkerung beliebten Park, in dem zu dieser Zeit, am frühen Abend, Zehntausende Menschen unterwegs waren.

Später meldete sich Ehsanullah Ehsan, seit Jahren ein bekannter Sprecher der pakistanischen Taliban, telefonisch mit einer Stellungnahme bei mehreren Journalisten. Berichten zufolge sagte er: »Es waren unsere Leute, die in Lahore die Christen angegriffen haben, die das Osterfest feierten. Unsere Botschaft an die Regierung ist, dass wir auch weiterhin solche Anschläge durchführen werden, bis die Scharia (das islamische Recht; d. Red.) im Land durchgesetzt ist.« Andere Medien zitieren Ehsan mit den Worten: »Wir wollen die Botschaft an Premierminister Nawaz Sharif senden, dass wir in Lahore aktiv geworden sind. Er kann machen, was er will, aber er wird uns nicht aufhalten. Unsere Selbstmordbomber werden diese Angriffe fortsetzen.«

Ehsan war früher Sprecher der zentralen Organisation der pakistanischen Taliban, abgekürzt TTP, bei der es sich um ein Bündnis mehrerer Einzelgruppen handelte. Seit ihrer Abspaltung von der TTP im Jahre 2014 vertritt er die Gruppe Jamaat-ul-Ahrar. Zunächst hieß es, sie habe sich dem »Islamischen Staat« angeschlossen. Später stellte Ehsan das als Missverständnis dar und behauptete, die Gruppe sei nach wie vor Teil der Taliban oder sei zumindest zu diesen zurückgekehrt.

Die religiösen Minderheiten Pakistans sind oft Ziel von Terrorangriffen sunnitisch-islamistischer Organisationen. Dazu gehören neben den Schiiten auch die Christen, zu denen ungefähr ein Prozent der 190 Millionen Pakistanis gehört. Die TTP ist in viele konkurrierende, zum Teil sogar verfeindete Einzelgruppen zerfallen, seit die pakistanischen Streitkräfte 2014 einen bis heute nicht beendeten Feldzug gegen ihr letztes Rückzugsgebiet, die Region Nordwasiristan in den sogenannten Stammesgebieten, begannen.

Ebenfalls am Sonntag hatte die Polizei in der Hauptstadt Islamabad große Mühe, eine gewaltsame Demonstration von mehreren tausend Islamisten unter Kontrolle zu bringen, so dass schließlich Militäreinheiten zu Hilfe gerufen werden mussten. Die Menge hatte die Absperrungen überrannt und war in die Hochsicherheitszone eingedrungen, wo sich das Parlament, das Staatsfernsehen, der Oberste Gerichtshof und viele Regierungsgebäude befinden. Anlass der Proteste war die Hinrichtung von Mumtaz Qadri am 29. Februar. Er hatte der Leibwache des Gouverneurs der Provinz Punjab, Salman ­Taseer, angehört und letzteren im Januar 2011 mit 28 Schüssen getötet, weil ­Taseer sich für eine Frau eingesetzt hatte, die der »Blasphemie«, also der Beleidigung des Islam, beschuldigt worden war. Mehr als 100 Menschen werden jährlich wegen dieses Delikts angeklagt, das zur Todesstrafe führen kann. Diese wurde angeblich noch nie vollstreckt, aber viele Angeklagte wurden von Lynchmobs entführt und ermordet. Am Begräbnis von Qadri hatten mehr als 100.000 Fanatiker teilgenommen, die ihn als Helden feierten.

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