Aus: Ausgabe vom 26.03.2016, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Häuser zerstört, Wasser abgegraben

Wer so aufwächst, wird keine Blumen werfen. Und doch muss der Konflikt einmal enden. Unterwegs im palästinensischen Jordantal

Von Karl-Heinz Behr
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Es war einmal: Der »Garten Palästinas« liegt trocken. Die tiefen Bohrungen für den Bedarf der israelischen Siedlungen haben ihm das Wasser abgegraben

Rana strahlt übers ganze Gesicht. Ihre Augen leuchten. Nächste Woche ist sie weg hier, raus aus diesem Elend. »Ich werde in Bethlehem leben. Nächsten Dienstag fahre ich.« Sie hat geheiratet. Ihre Fröhlichkeit passt so gar nicht zur sorgenvollen Miene ihres Vaters Ali. Vor drei Wochen ließ die israelische Armee das Haus der Familie zerstören. Seitdem lebt die zwölfköpfige Familie im Freien, kampiert im dichten Schatten eines Lorbeerbaums. Was Ali für die Zukunft erwartet? Rashed Khudiri, Koordinator der Solidaritätsbewegung Jordantal, übersetzt die knappe Antwort: »Was kann ich schon tun?« Der Familienvater kniet auf einer Matte, die Kufija, das von einer Kordel gehaltene arabische Kopftuch, ist fast vom Kopf gerutscht. Hände, die offenbar zupacken können, untätig auf den Oberschenkeln. Rashed zeigt auf einen kleinen Haufen Bauschutt, Lehmziegel, einen schwarzen, zerbeulten Wassertank: »Hier seht ihr die Reste des Hauses, hier war die Küche. Um 6 Uhr morgens kam die israelische Armee mit 20 Jeeps und sechs Bulldozern und zerstörte sieben Unterkünfte und Schutzdächer für Ziegen und Schafe hier in Fasayil. Sie kappten die Stromleitung und demolierten die Wassertanks. Es war seit 2012 bereits das vierte Mal, dass Alis Haus zerstört wurde.« Der 33jährige Araber hat in seinem Leben nichts anderes als die Besatzung kennengelernt. Er kennt nur die Schockstarre, die seit der Ermordung des israelischen Premiers Jitzchak Rabin am 4. November 1995 durch einen jüdischen Rechtsextremen eine Lösung des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern in die Ferne rückte. Dennoch hofft er weiter auf ein friedliches Ende der israelischen Besetzung der Westbank. Solidarität, sagt er, ist dafür die einzige Chance. Solidarität unter der arabischen Bevölkerung im Westjordanland und in Gaza, aber genauso die internationale Solidarität.

Ali lebt wie 55.000 weitere Palästinenser des Jordantals in einem sogenannten C-Gebiet. Seit dem Oslo-II-Abkommen ist die Westbank dreigeteilt: Zone A mit Orten wie Ramallah, Jericho, Nablus oder Al Auja kontrollieren allein die Palästinenser mit eigener Verwaltung und Polizei. Sie umfasst rund zehn Prozent des Gesamtterritoriums. In Zone B ist die Kontrolle zwischen palästinensischen und israelischen Behörden geteilt. Die C-Gebiete umfassen 73 Prozent der Westbank. Hier haben alleine die Israelis das Sagen. In A und B leben rund 70 Prozent der palästinensischen Bevölkerung. Rashed zeigt auf eine etwas höher gelegene schmucke Ansiedlung. Zwischen dem Grün von Bäumen und Büschen sind mit roten Ziegeln gedeckte Satteldächer zu erkennen. Rashed vermutet, dass Ali vertrieben werden soll, damit die jüdische Siedlung Tomer hier in Fasayil vergrößert werden kann. Etwas rechts der Siedlung, auf halber Höhe, ist ein großes, von einer Kuppel überwölbtes, fensterloses Betonbauwerk zu sehen. »Das ist der Wasserspeicher für die Siedler in Tomer. Die Araber hören das Wasser in den Leitungen unter ihren Behausungen rauschen. Nur nutzen dürfen sie es nicht.« Auf dem Boden neben Alis Matte ringelt sich eine bleistiftdicke Wasserleitung aus schwarzer Plastik. Sie schlängelt sich auf dem heißen, steinigen Boden zwischen den spärlich verstreuten Büschen zu einem Verteiler, in den ein dickeres Plastikrohr mündet. »Wir von der Soligruppe haben die Leitungen gelegt und pumpen vom Dorf unten das Wasser für die Leute hier herauf.« »Exist is to resist«, zitiert Rashed das Motto seines Jordan Valley Solidarity Movements (JVS). Das Netzwerk aus Gemeinden, Organisationen und Einzelpersonen kümmert sich bereits seit Jahren um arabische Opfer der israelischen Besatzung im Jordantal.

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Verstreute Habe: Die Zerstörung ihrer Häuser durch israelische Soldaten zwingt die Menschen im Jordantal immer wieder zu einem schweren Neuanfang

Die Gäste und ihr Begleiter sitzen auf grünen Plastikstühlen, Ali, seine beiden Frauen und fünf der Kinder kauern auf Teppichen und Matten. Die größeren sind eben aus der Schule gekommen. Hühner trippeln um die Sitzenden herum, den Schnabel offen, als schnappten sie nach Luft. Es sind fast vierzig Grad im Schatten. Ein Maschendrahtzaun schützt Menschen, junge Olivenbäume und kürzlich gepflanzte Dattelpalmen vor streunenden Hunden und anderen zudringlichen Tieren. Abgedeckt im hinteren Eck der Einzäunung lagert das wertvollste gerettete Stück aus dem Hausrat: die Waschmaschine. Das Übrige wird in zwei weißen Rotkreuzzelten zehn Meter weiter aufbewahrt. Nachts, wenn es nicht mehr so heiß ist, wird dort gekocht. Von den paar eigenen Schafen kann die Familie nicht leben. Ali hilft bei jüdischen Siedlern Tomaten pflücken oder bei der Gurkenernte, erfahre ich. Und er möchte hier bleiben. Seine große Familie bräuchte eine feste Unterkunft, aber es fehlt die Baugenehmigung. In den C-Gebieten ist die kaum zu bekommen. Wird ohne Genehmigung gebaut, droht wieder der Abriss.

Kostbares Wasser

Rashed sitzt am Steuer. In schneller Fahrt geht es nach Norden, jordanaufwärts. Der israelische Checkpoint, an dem wir am Abend zuvor kontrolliert wurden, ist nicht mehr zu sehen. »Das Jordantal umfasst 28 Prozent der Westbank, 95 Prozent davon sind C-Gebiete. In den 60er Jahren lebten hier noch 300 000 Palästinenser.« Rashed biegt ins Uja-Tal ab. Parallel zum Fahrweg verläuft eine ausgetrocknete gemauerte Wasserleitung. »Manchmal, wenn es im Winter viel geregnet hat, haben die Menschen in den Dörfern für zwei bis drei Monate genug Wasser zum Bewässern ihrer Felder. Wenn wir Rückhaltebecken hätten, dann könnte das Wasser länger reichen. Die Israelis verbieten jedoch, solche Anlagen zu bauen.«

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Kostbares Nass: Die Menschen hier im Uja-Tal sind auf die kostspielige Wasserversorgung durch Tankwagen angewiesen (rechtes Foto)

Er hat angehalten und deutet auf zwei riesige Fässer. »Das sind die Wasserbehälter, die die Israelis für die Versorgung von Mevoot Jericho, Yitav und andere jüdische Kolonien gebaut haben. Araber bekommen von dort kein Wasser. Ich zeige euch gleich, was die Wasserentnahme mit dem Flusstal gemacht hat.« Nachdem eine Ziegenherde die Straße wieder verlassen hat, geht es weiter. Das Uja-Tal verengt sich hier. Nur noch Fahrweg und Fluss passen zwischen die steilen Anhöhen. Im ausgetrockneten Flussbett sind noch Spuren der Strömung zu sehen. Ein paar Sträucher dorren an seinem Ufer. Sechs Meter oberhalb des Talbodens erhebt sich ein Pumpenhäuschen. Dicke gebogene Wasserrohre, mit hohem, stacheldrahtbewehrtem Maschendraht umzäunt, solide gebaut, am Zaun eine Kamera. »Früher floss hier das ganze Jahr über Wasser. Es gab reiches Pflanzenwachstum. Man konnte Heilpflanzen finden, die es sonst nirgends gibt. Die Leute kamen dafür aus Nablus, aus Ramallah oder Jericho. Doch seit die Israelis ihre Brunnen vierhundert Meter tief bohren und das Wasser in die Siedlungen pumpen, ist der Fluss versiegt.« Weiter unten im Tal sind über eine große Fläche verstreut Hütten aus Wellblech, Zelte, Schutzdächer für Tiere auszumachen. Dort steht auch ein Anhänger. »Siehst du den gelben Tankwagen?», fragt Rashed. Dies sei das einzige Wasser, das die Leute hier zur Verfügung hätten. Es sei teuer, und aus Al Auja oder Jericho brauche der Wagen eine Stunde. Etwa zwei Tanks pro Woche würden pro Familie gebraucht. Rashed hebt die Stimme: »Dies war kein kahles, ödes Land. Es war immer grün.« Schwer vorstellbar, angesichts der staubig-weißen, steinigen Landschaft. »Die Israelis töten unser Land. Manchmal bauen sie ihr Pump­system nahe einer Quelle oder einem palästinensischen Brunnen und durch die tiefe Bohrung versiegt der Brunnen. Das machen sie in der ganzen Westbank so.«

Nur ein paar Autominuten entfernt von Alis Familie haben die JVS-Aktivisten ihr Begegnungszentrum eingerichtet. Rashed ist hier zu Hause, macht es sich auf der beschatteten Terrasse im Unterhemd bequem und raucht. »Für solche Menschen wie Alis Familie arbeiten wir. JVS wurde während der Zweiten Intifada gegründet.« Das war im Jahr 2000, als der Konflikt zwischen Palästinensern und israelischer Besatzung gewaltsam eskalierte. Rashed ist wichtig, was die Alten erzählen. »Daher weiß ich, wie wichtig für uns das Jordantal ist. Wir nennen es den Garten Palästinas. Es ist das Grenzgebiet, über das wir nach Jordanien und ins übrige Ausland kommen. Leider wissen auch die Palästinenser in Ramallah, Nablus oder Jerusalem oft nicht, wie die Menschen hier zu leiden haben.« Und etwas leiser, ärgerlich: »Viele interessiert es auch nicht. Das JVS hat sich mit anderen Organisationen wie der Palästinensischen Landarbeiter Gewerkschaft zusammengetan, Elektro- und Wasseranschlüsse gelegt, Schulen wie die in Kiriat Samra im Norden des Jordantals gebaut. Rashed führt uns zu einer Maschine im Hof. In dem lehmverschmierten Ungetüm können hydraulisch vier Strohlehmziegel gleichzeitig gepresst werden. Neben der Maschine lagern Ziegelreihen zum Trocknen. Am Haus sind die fertigen Bausteine aufgeschichtet. Solches Baumaterial wird dringend gebraucht. Unter Aufsicht israelischer Soldaten wurde auch die Samra-Schule mit Bulldozern wieder zerstört.

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Checkpoint: Kontrollen durch israelische Soldaten gehören zum Alltag im Jordantal. An diesem bei Al-Hamra kam es am 9. Januar 2016 zu einem für zwei Palästinenser tödlichen Zwischenfall

Die Absicht hinter diesem Vorgehen sei, die Palästinenser vom Land zu vertreiben und sie in kleinen Städten zusammenzufassen, wie hier bei Jericho. Gefängnisse unter offenem Himmel, nennt Rashed sie. Offenbar ist auch für die Israelis das Tal wichtig. Aus Sicherheitsgründen, heißt es oft. »Mit dieser Politik haben sie das Leben vieler Menschen zerstört, ihre Häuser, ihre Kultur.« Auch hier setzt die Organisation an. Mit Theateraufführungen in den Gemeinden. Fragen der Gesundheitsvorsorge, der Erziehung und Bildung kommen darin vor. Und natürlich das Wasserproblem und die Hauszerstörungen. Früher hätten die Schauspieler für 60 Schekel am Tag (umgerechnet etwa 15 Euro) auf den Feldern der Siedler arbeiten müssen. Nun sind sie als Künstler beim JVS angestellt. Die Theaterstücke werden auch bei der Autonomiebehörde und anderen NGO aufgeführt. »Danach reden wir über unsere Erfahrungen, darüber, wie wir etwas verändern können und was wir für die Lösung des Konflikts tun.« Denn eine Lösung ist möglich«, betont Rashed. Doch welche?

Ruinen und Aufbau

Wieder auf der Nationalstraße 90 nach Norden, immer den stacheldrahtbewehrten Maschendrahtzaun entlang. Riesige Wasserreservoirs, Häuser israelischer Siedler und Dattelplantagen wechseln sich dahinter ab. Im fruchtbaren Ror al Ordon-Tal wohnt Salah mit seiner großen Familie. An einem höher gelegenen Platz liegt sein Gehöft mit mehreren Gebäuden. Viele offenbar frisch gepflanzte Olivenbäume, kaum einen Meter hoch, sind am Hang zu sehen. JVS-Aktivisten haben sie gemeinsam mit der Familie gepflanzt, nachdem das wieder einmal zerstörte Haus neu aufgebaut war. Salahs ältester Sohn Raja zeigt auf dem kleinen Display einer Videokamera, wie die Hauszerstörung vor sich ging. Die israelische Menschenrechtsgruppe B'Tselem gab ihm die Kamera zur Dokumentation des Abrisses. Genau dieses Haupthaus der Familie war in den vergangenen Jahren mehrfach das Ziel der Bulldozzer. Die übrigen Gebäude wurden nicht beschädigt, offenbar, weil sie vor 1967, vor dem Sechstagekrieg und der Besetzung der Westbank, schon standen. Im Tal ist ein israelischer Kontrollposten zu sehen, auf der nächsten Anhöhe eine Kaserne.

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Verblasste Hoffnungen: Die 1993 begonnenen Oslo-Friedensverhandlungen zwischen Israel und der PLO führten nicht zur Lösung des Konfliktes. Ein wichtiger Protagonist war PLO-Führer Jassir Arafat (m.)

Kurz vor der nördlichen Grenze der Westbank erreichen wir Bardala. Gemüsereihen, Stauden, kleine Bäume am Rand. Rashed möchte uns das Land seiner Familie zeigen. »Das ganze Dorf ist wie eine große Familie,« lächelt er. In Töpfen werden Guavenpflänzchen herangezogen. Die sollen verkauft werden, auf dem hiesigen Markt, später vielleicht auch drüben in Jordanien. »Mein Vater, mein Bruder und ich arbeiten zusammen.« Wäre mehr Wasser da, könnten sie ihr ganzes Land bebauen. Der Acker fällt zum Tal hin ab. Es wird rasch dunkel. Von einer kleinen Anhöhe aus sind die Lichter in den jordanischen Dörfern auf der anderen Seite des Flusses zu sehen. Endlich lässt die Hitze nach. Auch Rashed würde gern ein Haus bauen und heiraten, auch er erhält derzeit keine Baugenehmigung.

Bürde für die Zukunft

Dr. Yossi Guttman, Hydrogeologe, ein freundlicher älterer Herr, sitzt in einem sehr kühl klimatisierten kleinen Büro in der Mekorot-Zentrale in Tel Aviv, 9 Lincoln Street. Mekorot ist das israelische Staatsunternehmen, dass sich um die Wasserversorgung im ganzen Land kümmert, und auch um die in der Westbank. Er ist ein viel beschäftigter Wissenschaftler mit internationalen Kontakten. In den 1990er Jahren lieferte er für die Oslo-Verhandlungen zwischen Israel und der PLO Expertisen zur Wasserfrage in der Westbank. Zu der hat er seine eigene Erklärung. Guttman hält es für ausgeschlossen, dass aufgrund der israelischen Bohrungen palästinensische Brunnen austrocknen. »In der Westbank gibt es zwei untereinander liegende wasserführende Schichten, die voneinander getrennt sind«, erläutert er. Die untere haben erst wir Israelis entdeckt und erschlossen. Wir nutzen lediglich das Wasser aus dieser tieferen Schicht, und überlassen das der oberen Schicht der palästinensischen Bevölkerung. Daraus kann sie ihre Brunnen speisen.« Außerdem könne er sich nicht vorstellen, dass im Joint Water Committee, dem Gremium, das die Wassernutzung bespricht und in dem auch Palästinenser vertreten sind, irgendein sinnvolles Wasserbauprojekt abgelehnt würde.

Dr. Abdelrahman Tamimi, der Direktor der Palestinian Hydrology Group, einer Nichtregierungsorganisation von Wasserexperten in Ramallah, ist ein ruhiger Mann. Yossi Guttman kennt er gut, manchmal begegnen sie sich im Libanon, in Jordanien oder in Deutschland. Auch er sorgt sich um die Zukunft der Westbank, um die jungen Leute, wie seinen 19jährigen Sohn. »Das wird nicht mehr lange gutgehen«, mahnt er, nachdem er seine Sicht auf die Wasserprobleme der Westbank erläutert hat. »Wer als junger Palästinenser dort aufwächst, wird einmal keine Blumen auf die Israelis werfen.«

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