Aus: Ausgabe vom 26.03.2016, Seite 8 / Ansichten

Rotkäppchen des Tages: Erzbischof Odilo

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Kein Kommunist, trotzdem kurz am Boden: Kardinal Odilo Pedro Scherer

Ach, du heiliger Schreck! Die Messe am Gründonnerstag in der Kathedrale von São Paulo war fast gesungen, da wurde es plötzlich schrill. Eine bieder gewandete Dame mittleren Alters ging wie vom Teufel besessen auf Kardinal Odilo Pedro Scherer, Erzbischof der brasilianischen Metropole, los. Erst riss sie ihm die Mitra vom Haupt, dann den Mann zu Boden, verletzte ihn am Gesicht. Andere Kirchenleute befreiten diesen, Gott sei gelobt, rasch aus den Fängen der Angreiferin. Was war hier los? Wozu ein solches zutiefst sündiges Benehmen? Weshalb das Geschrei? Ein Zeichen wollte die Unbekannte setzen. Wie sie die Umstehenden wissen ließ, seien die brasilianische Bischofskonferenz CNBB und auch Dom Odilo selbst kommunistische Unterwanderer. »Das könnt ihr nicht mit meiner Kirche machen!« stieß sie noch aus, bevor sie selbst erschöpft zu Boden sank. Ein anderer Hirte nahm tröstend ihre Hand. Eine schöne Geste im Jahr der Barmherzigkeit.

Nun ist Kommunismus eine ernste Anschuldigung, und man kann diesbezüglich sicher nicht genug aufpassen. Bei den Anbietern auf dem Sinnmarkt gibt es ja sone und solche. Doch seine Hochwürdigste Eminenz ist diesbezüglich ganz unverdächtig, dafür könnte man unbesorgt beide Hände ins Höllenfeuer legen. Also nur ein verwirrtes Schäfchen, das wie wir alle – daran soll gerade zu Ostern erinnert werden – sein Kreuz zu tragen hat? So einfach ist es nicht, denn Brasiliens rote Kappenträger sind tatsächlich nicht ganz frei von Sünde. So hat sich die CNBB dem Komitee Pro Demokratie angeschlossen, bezieht Position gegen eine illegale Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff von der Arbeiterpartei. Während viele gottesfürchtige Brasilianer für die Rettung des Vaterlandes demonstrieren und die rote Gefahr deutlich aufzeigen. Wenigstens bleibt ihnen dafür der Segen der Globo-Medien, die vielen auch eine Bibel sind. (pst)

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