Aus: Ausgabe vom 24.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Lasset uns den nicht zerteilen

Gehört zur Karwoche: Eine Neuaufnahme von Bachs »Johannes-Passion«

Von Stefan Siegert
Eine Portraitbüste des Komponisten Johann Sebastian Bach (1685-1
Eine Portraitbüste des Komponisten Johann Sebastian Bach (1685-1750), im Bachhaus in Eisenach

Früher gab es Erdbeeren nur im Juni, Äpfel ab Herbst. Und auch wenn die Ohren mit Osterglocken nichts anzufangen wissen, Johann Sebastian Bachs Passionen gehören für manche zum Frühlingsfest wie Narzisse, Hühnerei und Hase. Genauer: Zur Karwoche. Denn es geht in ihnen nicht ums erfreulichere Wochenendgeschehen mit Grabesruhe am Samstag und Auferstehung »am dritten Tage«, dem Ostersonntag (gefolgt von Himmelfahrt und Ausgießung des Geists zu Pfingsten). Es geht um die finstere Vorgeschichte.

In jedem seiner Dienstjahre als Leipziger Thomaskantor hatte Bach am Karfreitag eine Musik zu liefern zum Leidensgeschehen vor nunmehr – tja, wie viele Jahre »n. Chr.« dieser Jesus von Nazareth gekreuzigt wurde, liegt im Nebel. Eine Neuaufnahme der »Johannes-Passion« unter der Leitung von René Jacobs erinnert jetzt daran, dass angesichts vierer verschiedener Fassungen, die alle auf Bach zurückgehen, von »der« Johannes-Passion kaum die Rede sein kann. Er hat sie vom Jahr ihrer Entstehung 1724 bis zu seinem Tod 1750 viele Male aufgeführt und das Werk im Bemühen, stets up to date zu sein, immer wieder verändert.

Jacobs fügt in einem Appendix jene fünf Sätze hinzu, um die Bach 1725 die Urfassung erweiterte, um das Werk »johanneischer« zu machen. Der christliche Heiland wandelt bei Johannes nicht als Mensch (wie bei Matthäus), sondern als Gott durch die Welt – die Tortur auf Golgatha erreicht ihn nicht wirklich. Darum wohl rückte 1725 der Choral »O Mensch, bewein dein Sünde groß« als Exordium an den Anfang. Die Neuaufnahme aber beginnt mit dem »Herr, unser Herrscher« von 1724. Zum Glück. »Wenn je Bachsche Musik uns die philosophische Tugend des Staunens lehren kann«, so Bach-Forscher Alfred Dürr, »dann in Sätzen wie diesem«.

Überall verstörende Bewegung, klingende Unruhe. Ein Sechzehntelmotiv kreist unaufhörlich durch Instrumente, Continuo (Generalbass) und die Kehlen der Solisten und Ripienisten. Im Fundament dröhnt ein Orgelpunkt, schwere Quinten steigen nach unten, zeitversetzt begleitet von einem chromatisch absinkenden Motiv, dazwischen dissonante Haltetöne der Holzbläser. Instrumente und Menschenstimmen korrespondieren, zusammengedacht im souveränen Bezug jeder Einzelheit aufs Ganze. Ein Stück Musik, in dem Schrecken allen Kriegsgemetzels nachzuwirken scheinen. Durch die aus größter Menschenpein heraus geschriene dreimalige Anrufung des »Herrn« dringt bereits die moderne Frage, wo denn in den von Geldgier und Herzenskälte – »in der größten Niedrigkeit« – angerichteten Weltkatastrophen Gott abgeblieben sei.

Jacobs scheint sich in der Neuaufnahme durch ein betont räumliches Klangbild von den Vorgängern absetzen zu wollen. Im Vordergrund strahlen die Choräle in bester Textverständlichkeit. Die besonders zahlreichen Turba-Chöre treiben die Handlung voran; als »Kriegsknechte« oder »die Jüden« sind sie gleichsam Dramatis personae.

Rätselhaft bleibt, warum die passabel singenden Solisten – in einer meiner Lieblingsnummern, dem herrlich kontrapunktischen »Lasset uns den nicht zerteilen«, auch der Turba-Chor – akustisch oft hinter Instrumenten der Berliner Akademie für Alte Musik zurückbleiben, die das Geschehen farbenreich und dramatisch-aufgeladen begleiten.

Klare Pluspunkte sind Werner Güra als Evangelist und der durch eine Theorbe ergänzte Continuo. Improvisation und theaterhafte Koloristik lassen die Aufnahme zu einem geradezu opernhaft eindringlichen Erlebnis werden.

J. S. Bach: »Johannes-Passion BWV 245«, – Schachtner, Kohlhepp, Güra, Weisser, Akademie für Alte Musik Berlin, RIAS Kammerchor, René Jacobs (Harmonia Mundi France)

»Lasset uns den nicht zerteilen« mit Nikolaus Harnoncourt unter: youtube.com/watch?v=7jLzxqJnz3c

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