Aus: Ausgabe vom 24.03.2016, Seite 10 / Feuilleton

Der schwierige Aufklärer

Ein biographischer Essay untersucht erstmals das Leben des kommunistischen Autors Michael Tschesno-Hell

Von Detlef Kannapin
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Er hielt unbeirrt an seinem Klassenstandpunkt fest. Der Schriftsteller Michael Tschesno-Hell (r.) im Gespräch mit seinem Kollegen Heinz Kahlau. 28. April 1952 im Amt für Information

Wenn man im allgemeinen Unsinn unseres restaurativen Zeitalters nicht mehr weiterweiß, dann könnte man einen Wolfgang Kohlhaase befragen. Der gab dem Schriftsteller Ralph Hammerthaler im Oktober 2014 ein längeres Interview über Michael Tschesno-Hell, früher in der DDR bekannt als Autor der beiden ersten Thälmann-Filme aus den 1950er Jahren und der beiden Liebknecht-Filme von 1965 und 1971. Während der Regisseur der Thälmann-Filme, Kurt Maetzig, nach der »Wende« mehrfach erklärte, beim nochmaligen Ansehen dieser Filme »rote Ohren« zu bekommen, analysierte Kohlhaase deren ursprüngliche Intention wie folgt: »Sie waren sicher ein Versuch, deutsche Geschichte anders zu erklären, als sie im Durchschnittsbewusstsein der Leute vorhanden war. Und sie waren auch ein Versuch, weiße Flecken auszufüllen. So sehr sie, ästhetisch betrachtet, eine zu schmale Erwartung an Kunst oder Kinokunst bedienten und von daher etwas Didaktisches hatten, so sehr enthielten sie auch Neuigkeiten und befriedigten ein Bedürfnis nach Information. Was ist damals eigentlich passiert? Dadurch erwachte das Interesse an Geschichte, an Politik. Darum waren diese Filme populär.«

Hammerthaler, Jahrgang 1965, Verfasser dreier Romane und verschiedener Stücke, hat sich mit Akribie und Verstand auf die Spuren Michael Tschesno-Hells (1902–1980) begeben, der mit seinen literarischen Vorlagen Maßgebliches über die Arbeiterführer Liebknecht und Thälmann erzählte. Die Entstehungsgeschichte von »Der Bolschewist« folgt zunächst dem Kuriosum, dass Tschesno-Hell von vielen Beteiligten in DEFA und DDR-Kulturbetrieb als »schwierig, unbeherrscht« und letztendlich »dogmatisch« eingestuft wurde, weshalb er für eine monographische Abhandlung aus Sicht der vielen, sich selbst als unangepasst Betrachtenden, nicht in Frage kam. Hammerthaler überzeugte aber den Vorstand der DEFA-Stiftung Ralf Schenk von der Relevanz Tschesno-Hells für das Verständnis der DEFA und der DDR-Geschichte, so dass wir heute in Buchform den seltenen Fall vorliegen haben, die Biographie eines Bolschewiken als Spiegel des Jahrhunderts rekapitulieren zu können.

Die Ausmessung des literarischen Anteils Tschesno-Hells am Zustandekommen der DEFA-Filme über Thälmann, Liebknecht, den Hochstapler Albert Hauptmann in der weitblickenden Satire »Der Hauptmann von Köln« von 1956 sowie an zwei Fernsehfilmen wird nach Maßgabe aller greifbaren schriftlichen und bildlichen Zeugnisse ebenso gewissenhaft geleistet wie die Einordnung der Persönlichkeit in die Wirren der Zeitläufte und Klassenkämpfe vom Eintritt in die KPD 1922 bis zum Tod im Februar 1980. Zur Sprache kommen auch der Beitrag von Tschesno-Hell bei Organisation und Durchführung des Internationalen Schriftstellerkongresses zur Verteidigung der Kultur in Paris 1935, seine geheimdienstliche Tätigkeit für die Sowjetunion sowie seine Geradlinigkeit bei der Umsetzung des parteilichen Erziehungsauftrages, der in der Maxime kulminierte: »Klarheit in den Köpfen der Menschen ist der ärgste Feind des Imperialismus; und Unklarheit sein bester Verbündeter.«

Hammerthaler beschreibt Tschesno-Hells letzte Lebensjahre inmitten der wachsenden Probleme des Sozialismus unter dem Signum des Realitätsverlustes. Man könnte hingegen auch interpretieren, dass Michael Tschesno-Hell an seinem Klassenstandpunkt festhielt, als um ihn herum die meisten der sogenannten Führungskader ihren Frieden mit der Bourgeoisie gemacht hatten. Hammerthaler lässt dem Porträtierten allerdings Gerechtigkeit widerfahren. Wo andere eine unbelehrbare Borniertheit mit verbrecherischen Zügen denunziert hätten, erkennt er bei Tschesno-Hell eine klassische kommunistische Haltung: »Nein, er arbeitete. Und Ursula (seine Frau – D. K.) half ihm dabei. Ein neues Filmprojekt schwebte ihnen vor, eine Art Kammerspiel. Es sollte von Anfang bis Ende in einem Kerker spielen. In der Zelle hockt ein Mann, der allen die Stirn bietet und die Welt herausfordern will. Er heißt: Ernst Thälmann.«

Ralph Hammerthaler: Der Bolschewist. Michael Tschesno-Hell und seine DEFA-Filme. Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, Bertz + Fischer Verlag, Berlin 2016, 176 Seiten, 12,90 Euro

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