Aus: Ausgabe vom 24.03.2016, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Ein Fall für Konsumfetischisten

Sachverständigenrat: Deutsche Wirtschaft bekommt die Abkühlung zu spüren. Kauflust treibt Konjunktur

RTSADZY.jpg

Der Konjunkturaufschwung in Deutschland verliert nach Einschätzung der »Wirtschaftsweisen« etwas an Tempo. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung korrigierte am Mittwoch seine Wachstumsprognose für dieses Jahr etwas nach unten. Die fünf Topberater der Bundesregierungen erwarten nun ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 1,5 Prozent, zuvor hatten die Experten 1,6 Prozent vermutet.

Das alles einigermaßen läuft, liegt demnach am allgemeinen Kauf- und Ausgabenrausch: Vor allem die Konsumausgaben der Verbraucher und auch die Ausgaben des Staates für die Unterbringung und Integration Hunderttausender Flüchtlinge treiben die Konjunktur demnach an. Auch die vermeintlich großartige Lage am Arbeitsmarkt trage zur wirtschaftlichen Stabilität bei. Der Warenexport, der in den zurückliegenden Jahren kräftig zum BIP-Wachstum beigetragen hatte, dürfte nach Ansicht des Sachverständigenrates als Wachstumsmotor indes ausfallen. Dies liege hauptsächlich an der Abkühlung in China und den übrigen Schwellenländern.

Die Ökonomen glauben weiterhin, dass die Ausgaben für die Flüchtlinge in diesem und im nächsten Jahr ohne neue Schulden gestemmt werden können. Die Mehrkosten schätzen sie auf 13,7 Milliarden Euro 2016 und auf 12,9 Milliarden Euro im kommenden Jahr.

In diesem Jahr rechnen die Experten wegen des Ölpreisverfalls mit einer durchschnittlichen Teuerungsrate von nur 0,3 Prozent. 2017 sollte die Inflation auf 1,4 Prozent anziehen. Sie läge damit weiter unter der von der Europäischen Zentralbank (EZB) »angestrebten« Marke von knapp zwei Prozent.

Tatsächlich verbreitet die fast unkontrolliert agierende EZB-Führung seit langem die Legende, dass sie einen heroischen Kampf gegen zu geringe Geldentwertung im Euro-Raum führe. Denn eine zu niedrige Inflation sei sehr schädlich für die Wirtschaft. Wie jedoch die faktische Abschaffung von Guthabenzinsen die Ökonomie beflügeln und für die Menschen Gutes bringen soll, hat die Truppe um EZB-Chef Mario Draghi bislang nicht plausibel erklärt. Erst kürzlich hatte die Notenbank ihre »Geldschöpfung« nochmals ausgeweitet und den Leitzins im Euroraum auf null Prozent gesenkt.

Auch die »Wirtschaftsweisen« sehen dies mit Sorge, allerdings nicht aus dem Blickwinkel der »enteigneten Sparer«. »Die lockere Geldpolitik kann erhebliche Nebenwirkungen haben«, sagte Ökonomin Isabel Schnabel. Sie setze die Profitabilität der Banken immer stärker unter Druck und mindere den Reformdruck in Europa. (dpa/jW)

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Kapital & Arbeit
  • 2,3 Millionen Häftlinge: Private Gefängnisbetreiber der USA verdienten auch 2015 kräftig. Kritiker monieren Vergeudung von Steuergeldern
    Jürgen Heiser