Aus: Ausgabe vom 24.03.2016, Seite 8 / Ausland

»Man hat Vorteile, wenn man duckmäuserisch mitspielt«

Arbeitspflicht in Haft: Gefangene wehren sich dagegen, mit Dumpinglöhnen abgespeist zu werden. Ein Gespräch mit Georg Huss

Interview: Christof Mackinger
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Wegen Cannabis, das sich in Ihrem Besitz befunden haben soll, wurden Sie zu einer vierjährigen Haftstrafe in Österreich verurteilt. Anfang März konnten Sie das Gefängnis nach zweieinhalb Jahren verlassen. Ähnlich wie in den meisten deutschen Bundesländern gilt in Österreich im Gefängnis eine Arbeitspflicht. Wie sind die Arbeitsbedingungen dort?

Ich habe in dem Land verschiedene Gefängnisse hinter mir: In Eisenstadt war ich Autowäscher. Die Arbeitsbedingungen waren einigermaßen okay, es gab aber selten Arbeit. Der Lohn war dementsprechend. Dann war ich in St. Pölten, da wurde ich in die Küche eingeteilt. Ich komme ja aus der Gastronomie, und dort war ich schockiert. In der Knastküche hat überhaupt nichts gestimmt, es war unhygienisch ohne Ende. Da wurde ich dann relativ schnell entlassen, weil ich die Anstalt angezeigt habe. Mittlerweile bauen die dort um. In Graz war ich zuerst eingeteilt für die Gärtnerei und dann die Bücherei. Dort war die Arbeit sehr gut. Es gab so gut wie nichts zu tun, ich hatte Zugang zum Computer, konnte lesen. Netter Chef, saubere Umgebung, und es hat eigentlich gepasst.

Sie sagen, es hätte »eigentlich« gepasst. Was kritisieren Sie – dort und generell?

Unter anderem die Lohnverhältnisse. Man muss sich Geld von draußen schicken lassen, damit man drinnen überlebt – trotz Arbeit. Normal ist ein Gehalt von etwa 200 Euro im Monat, davon bekommt man 100 Euro in die Hand zum Einkauf, 100 Euro gehen in die Rücklage für die Enthaftung, also die Haftentlassung.

Im Gefängnis haben Sie, etwa in der Justizanstalt Graz-Karlau, Aktionen durchgeführt …

Insgesamt habe ich in meinem Leben schon sieben Jahre im Knast gesessen. Mich hat dabei immer gestört, dass die Justiz sich sowenig an Regeln und Gesetze hält. Uns werden Rechte, die wir als Häftlinge haben, ständig verwehrt. Ich dachte, ich verzichte auf die angeblichen Vorteile, die man hat, wenn man duckmäuserisch, brav mitspielt und dem System nützlich ist, und protestiere. Und ich habe zum Glück Freunde gefunden, die auch gegen das System aufbegehren. Wir haben schon unabhängig voneinander Beschwerden und Anzeigen geschrieben, teilweise bis zum Europäischen Gerichtshof. Und dann haben wir uns in Graz-Karlau zufällig getroffen und koordiniert, bis wir schließlich die Gefangenengewerkschaft in Österreich gegründet haben.

Was haben Sie konkret gemacht?

Im Jänner habe ich mir den Mund zugenäht, und zu zweit sind wir in den Hungerstreik getreten. Unser dritter Aktivist wurde verlegt. Das ist eine Problematik in Haft: Wenn sich eine Gruppe zusammentut und etwas organisiert, wird einer nach dem anderen woanders hinverlegt. Und dann gibt es eine Kontaktsperre. Außerdem bekommt man in Haft kaum Infos oder Hilfe von außen. In Graz hatten wir sehr viele Unterstützer unter den Häftlingen, an die Öffentlichkeit würde aber keiner gehen. Es hat ja jeder Angst, dass er Repressalien abbekommt.

Sie aber sind Anfang März freigelassen und mit einem zehnjährigen Aufenthaltsverbot für Österreich belegt worden.

Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich frühzeitig entlassen werde. Ich dachte, die werden das so lange wie möglich hinauszögern. Eine Auflage gibt es für mich als Ausländer – ich bin ja deutscher Staatsbürger: Ich darf das österreichische Bundesgebiet zehn Jahre lang nicht mehr betreten.

Wie geht es Ihnen jetzt damit?

Es ist ein bisschen ein Kulturschock, aber mir geht es gut. Es ist jetzt 20 Jahre her, dass ich in Deutschland gewohnt habe. Ich bin jetzt in einem fremden Land sozusagen. Deswegen will ich auch gegen das Aufenthaltsverbot in Österreich klagen. Außerdem werde ich versuchen, in der Gefangenengewerkschaft Fuß zu fassen, und schauen, wie ich mich weiter für Gefangenenrechte einsetzen kann.

Georg Huss engagiert sich in der Gefangenengewerkschaft/Bundesweite Organisation (GG/BO)

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