Aus: Ausgabe vom 24.03.2016, Seite 6 / Ausland

Erdogans Goldfinger

Iranisch-türkischer Multimillionär Reza Zarrab wegen Bruch des Iran-Embargos in den USA verhaftet

Von Nick Brauns
Police_operation_in_36681650.jpg
Reza Zarrab im Dezember 2013 bei seiner Festnahme in Istanbul

Die Verhaftung des Goldhändlers Reza Zarrab in den USA könnte Recep Tayyip Erdogan ins Schwitzen bringen. Der 33jährige Geschäftsmann gilt als einer der reichsten Männer der Türkei. Am Sonntag war er am Flughafen von Miami festgenommen worden, als er nach eigenen Angaben zusammen mit seiner Frau und Tochter nach Disneyland weiterreisen wollte. Zarrab, der die türkische, iranische und aserbaidschanische Staatsbürgerschaft besitzt, sowie zwei noch flüchtige iranische Mitarbeiter werden in der am Montag veröffentlichen Anklageschrift einer Verschwörung zum Bruch der von den USA gegen den Iran verhängten Wirtschaftssanktionen, der Geldwäsche sowie der Korruption beschuldigt. Mit einem Netz von Tarnfirmen soll Zarrab zwischen 2010 und 2015 der iranischen Regierung bei der Umgehung des Embargos geholfen haben. Dafür drohen ihm bis zu 75 Jahre Haft.

»Die heute erhobenen Anklagen sollen eine Botschaft an diejenigen sein, die ihre (der Angeklagten) wahren Geschäftspartner sind, aber sich zu verstecken versuchen«, wird der zuständige Vizedirektor der US-Bundespolizei FBI, Diego Rodriguez, auf der Website des Justizministeriums in Washington zitiert. Das kann als Fingerzeig in Richtung der Türkei verstanden werden. Sollte Zarrab über seine »wahren Geschäftspartner« auspacken, könnte dies Personen aus dem Umfeld der türkischen Regierungspartei AKP erheblich belasten.

Zarrab war die Schlüsselfigur im Korruptionsverfahren, das im Dezember 2013 die türkische AKP-Regierung erschüttert hatte. Damals wurde der Unternehmer unter dem Vorwurf in Untersuchungshaft genommen, Bestechungsgelder in Höhe von 34 Millionen Euro an mehrere türkische Minister gezahlt zu haben. Diese sollen ihm bei Goldgeschäften mit dem Iran, an denen die staatseigene türkische Halk-Bank beteiligt war, unterstützt haben. Vier Minister mussten zurücktreten. Präsident Erdogan, dessen Sohn Bilal ebenfalls ins Fadenkreuz der Ermittler geriet, witterte einen Putschversuch durch die innerhalb der türkischen Justiz und Polizei einflussreiche Bewegung des im US-Exil lebenden pensionierten Imam Fethullah Gülen. Dessen Bewegung wird seither in der Türkei als terroristische Vereinigung verfolgt, während die auf AKP-Kurs gebrachten Justizbehörden die Korruptionsermittlungen Ende 2014 einstellten.

Vergangenen Sommer erhielt Zarrab eine Auszeichnung der AKP-Regierung für besondere Exporterfolge. Erdogan pries Zarrab als »einen im Goldexport tätigen Philantrophen« mit Verdiensten für das Land. Doch mittlerweile scheinen Zarrab Zweifel an den wirtschaftlichen Perspektiven der unter seinem Schutzpatron Erdogan immer tiefer im Chaos versinkenden Türkei gekommen zu sein. Zarrab habe mit der Veräußerung seines Vermögens in der Türkei begonnen, meldete das der Gülen-Bewegung nahestehende Deutsch-Türkische Journal. Dies könne als Hinweis gedeutet werden, dass er sich absetzen wolle. Murat Yetkin, ein leitender Kolumnist der Tageszeitung Hürriyet Daily News, spekulierte, ob sich Zarrab absichtlich den US-Justizbehörden ausgeliefert haben könnte. Er könnte aussagen und im Gegenzug eine milde Strafe erhalten. So könnte Zarrab versuchen, sich einer Verfolgung durch den Iran wegen wirtschaftlicher Straftaten zu entziehen. Dort war Zarrabs Geschäftspartner, der Multimilliardär Babak Sandschani, erst Anfang des Monats wegen illegaler Erdölgeschäfte zum Tode verurteilt worden.

Zarrabs Verhaftung kann aber auch als Zeichen zunehmender Spannungen zwischen den NATO-Partnern USA und Türkei verstanden werden. Washington ist zunehmend verärgert über das zu eigenmächtige Agieren Erdogans in der Syrien- und Irak-Politik sowie sein autoritäres Vorgehen gegen bürgerliche Oppositionsmedien und konkurrierende Kapitalverbände.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Handel statt Krieg (07.03.2016) Im Rahmen der Initiative »Ein Gürtel – eine Straße« kommt Chinas Zentralasienpolitik besondere Bedeutung zu. Die Region entlang der alten Seidenstraße steht damals wie heute im Visier ­geopolitischer Interessen der USA
  • Staatsfeind Nummer eins (03.02.2016) In der Türkei hat der Prozess gegen den Prediger Fethullah Gülen begonnen. Dem Erdogan-Rivalen wird der Versuch eines Staatsstreichs vorgeworfen
  • Friedensappell als Straftat (16.01.2016) Der türkische Präsident Erdogan lässt 14 kritische Wissenschaftler festnehmen. Ermittlungen wegen »Vaterlandsverrats« gegen über 100 weitere Akademiker
Mehr aus: Ausland