Aus: Ausgabe vom 24.03.2016, Seite 4 / Inland

Propaganda auf vielen Kanälen

Computerspiele, Comics, Filme: Bundeswehr lässt sich ihre Außenwirkung etwas kosten. Kritische Debatte unerwünscht

Von Andreas Schmiemann
kietzmann_afg-fussball-1 Kopie.jpg
Imagepflege während des ISAF-Einsatzes: Ein Kamerateam dreht in Afghanistan einen Werbeclip für die Bundeswehr (Januar 2014)

Die Bundeswehr muss sich seit der Aussetzung der Wehrpflicht ihre Rekruten selbst suchen. Ihre Wirkung in der Öffentlichkeit ist daher fundamental für das Bestehen der Truppe. Eine von der US-Regierung schon seit mehr als 50 Jahren angewandte Strategie, um die Öffentlichkeit positiv auf die Armee einzustimmen, ist das sogenannte Militainment. Der Begriff Militainment ist eine Zusammensetzung aus den Wörtern Military (Militär) und Entertainment (Unterhaltung). Es gibt verschiedene Formen des Militainment: Filme, Spiele, Fernsehübertragungen und seit neuestem eine eigene Präsenz in den meisten sogenannten sozialen Medien. Auch für die Bundeswehr ist Militainment nicht neu. Bereits seit den 90er Jahren versucht sie durch Computerspiele, Jugendliche für sich zu begeistern. Die Spiele mit den einfachen Namen »Helicopter Mission« (1994) und »Luna-Mission« (2000) stellen zwar keine Gewalt zur Schau, das Soldatenhandwerk wird jedoch als unterhaltsam und spaßbringend dargestellt. Schon damals führte dies zu einem Indizierungsantrag mehrerer Publizisten und Pädagogen, der jeweils abgelehnt wurde.

Eine andere Art der positiven Darstellung ist die Legitimierung und Verherrlichung von Kriegseinsätzen. Ein Beispiel dafür ist Arne Jyschs Comic »Wave and Smile«, der im Juni 2012 bei Carlsen erschien. Michael Schulze von Glaßer von der Informationsstelle Militarisierung erklärte zu dem Comic kurz nach dessen Erscheinen in einer Studie, Arne Jyschs Buch sei »ein medialer Werbe-Coup der Bundeswehr. Nahezu alle großen deutschen Medien haben sehr positiv über die Veröffentlichung und damit auch über den Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch berichtet – damit unterstützt ›Wave and Smile‹ die Bundeswehr bei der Bekämpfung des ›freundlichen Desinteresses‹ ihnen und ihrem Einsatz gegenüber.« Die Wahl der Medien, in diesem Fall des Comics, zeigt, dass jüngere Menschen, also potentielle Rekruten, angesprochen werden sollen.

Der mit Abstand wichtigste Kanal zur öffentlichen Darstellung der Bundeswehr ist das Fernsehen. Die Verbändelungen sind jedoch sehr undurchsichtig. Die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion zum Thema (Drucksache 18/7558) gab Anfang März etwas Aufschluss und zeigt die Zusammenarbeit zwischen Film und Bundeswehr anhand von einigen Dreharbeiten detailliert auf. So erstattete die Bundeswehr in den Jahren 2012 und 2013 Kosten für den Film »Zwischen Welten« (Arbeitstitel: »Später im Sommer«) in Höhe von über 160.000 Euro. Verbindet man die Erstattungskosten mit der Tatsache, dass die Drehbücher der Bundeswehr vorgelegt wurden und eben diese einer Unterstützung zustimmt oder ablehnt, je nachdem ob »das Projekt geeignet erscheint, einer breiten Öffentlichkeit objektive Informationen über die Bundeswehr zu vermitteln und das öffentliche Ansehen oder die Akzeptanz ihres Auftrages zu fördern« – wie es in der Antwort der Bundesregierung heißt –, dann könnte die berechtigte Vermutung aufkommen, dass Einflussnahme aus der Truppe in diesem konkreten Fall stattfand. Bei einem großzügigen Geldgeber wie der Bundeswehr ist es nur logisch, dass von Kritik seitens der Regisseure abgesehen wird, da eine solche auch zur Ablehnung einer Unterstützung durch die Bundeswehr führen könnte.

Andrej Hunko, Linke-Bundestagsabgeordneter, kommentierte, es sei nicht akzeptabel, dass die Bundeswehr nur Medienvorhaben unterstütze, wenn sie das öffentliche Ansehen oder die Akzeptanz des Auftrages der Bundeswehr fördern. »Damit werden unliebsame Projekte ausgeschlossen, auch wenn sie objektive Informationen und eine kritische Debatte über die Bundeswehr befördern wollen«, so Hunko. Dies sei weiterhin als der Versuch der gezielten Beeinflussung der öffentlichen Sichtweise nicht mehr von staatlicher Propaganda zu unterscheiden. Kriegspropaganda sollte, laut Hunko, nach Artikel 20 des UN-Zivilpaktes gesetzlich verboten werden.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Gezielte Verschleierung (12.05.2015) Im Streit um das »Pannengewehr« G 36 schweigen Politiker und Medien über dessen Einkäufer Volker Rühe
  • Gemetzel im Wohnzimmer (11.07.2009) Analyse. Die Kriegsdokumentation als Fernsehunterhaltung. Teil 1: Militainment und ideologische Aufrüstung
  • Die Kriegsunterhalter (14.05.2007) Über Unterhaltungsprodukte für Leinwand und Bildschirm wird die Militarisierung der Massenkultur vorangetrieben. In der Computerspielindustrie ist das Zusammenwirken von Militär und privatwirtschaftlicher Kreativtechnologie längst institutionalisiert
Mehr aus: Inland