Aus: Ausgabe vom 23.03.2016, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Absturz eines Oligarchen

Bierbaron mit eigener Airline und Formel-1-Team: Vijay Mallya zählte zu Indiens Superreichen. Jetzt zerbröselt sein früheres Imperium

Von Thomas Berger
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Vom Sunnyboy der indischen Milliardäre zum Fast-Pleitier: Vijay Mallya

Er galt als Überflieger, erschien als das Gesicht des scheinbar unbeschränkten Wirtschaftswachstums in Indien um die Jahrtausendwende: Vijay Mallya schaffte es auf die berühmt-berüchtigte Liste des US-Magazins Forbes und galt als einer der reichsten Männer auf dem Subkontinent. Spätestens als der hauptsächlich im Inland bekannte Bier-Baron seine eigene Airline gründete, die schnell zur wichtigsten privaten Fluggesellschaft des Landes aufstieg, war ihm auch internationales Interesse gewiss. Das verstärkte sich noch, als der milliardenschwere Produzent einer ganzen Palette alkoholischer Getränke, allen voran das Kingfisher-Bier, nach dem auch die Fluglinie benannt wurde, auch noch in die »Formel 1« einstieg.

Der Stern des 60jährigen ist seit geraumer Zeit im Sinken begriffen. Anfang März hat ihn der weltgrößte Spirituosenhersteller Diageo aus der Firma United Spirits Limited (USL), dem größten Hersteller für Hochprozentiges in Indien, »herausgekauft«. Ein »Freundschaftsdeal« wurde das in zahlreichen Medienberichten genannt. Mallya, der über sein Firmengeflecht unter dem Dach der United Breweries (UB) Group zuletzt noch vier Prozent der USL-Anteile hielt, bekommt demnach 75 Millionen US-Dollar. Dafür muss er nun auch seinen Vorstandsposten bei USL räumen, an den er sich bis zum Anteilsverkauf geklammert hatte.

Der Diageo-Konzern wiederum, dem Marken wie Johnny Walker (Whisky), Smirnoff (Wodka), Bailey’s und Guinness (Bier) gehören, steigt mit der Übernahme zum größten Spieler auf dem indischen Spirituosenmarkt auf. Der US-amerikanische Konzern mit Hauptsitz im Neuengland-Bundesstaat Connecticut kontrolliert nun 55 Prozent der USL-Anteile. Für die Pläne des Branchenprimus, nach eher mageren Jahren spätestens 2017 mit einem deutlichen Gewinn abzuschließen, dürfte sich der massive Einstieg in den weltgrößten Whiskymarkt Indien positiv auswirken. Gemessen am Handelsvolumen zählt USL mit Marken wie Bagpiper Whisky global jetzt schon zu den führenden Anbietern.

Für Mallya hingegen, den einstigen Sunnyboy unter Indiens frisch aufgestiegenen Oligarchen, geht es weiter abwärts. Dabei schien es noch vor wenigen Jahren, als könnte nichts und niemand den Mann aus dem südlichen Unionsstaat Karnataka stoppen, der den UB-Konzern von seinem Vater Vittal Mallya übernommen hatte. Die von einem Schotten unter anderem Namen gegründete Firma kann ihre Geschichte bis 1857 zurückverfolgen. Kurz nach der indischen Unabhängigkeit 1947 wurde Mallya Senior, damals erst 22, ihr erster einheimischer Direktor. Und er machte aus dem vormaligen Handelsunternehmen, das auch schon Bier an die britischen Truppen geliefert hatte, schrittweise den führenden Hersteller im Lande. In den zurückliegenden ein- bis eineinhalb Jahrzehnten ist der Umsatz alkoholischer Getränke nach westlicher Art stark angestiegen. Die wachsende Mittel- und Oberklasse im Land trug mit dazu bei, dass Vittals Sohn als UB-Chef zu einem der wohlhabendsten Männer Indiens wurde. Die Gründung von Kingfisher Airlines 2005 machte UB noch bekannter, denn fortan prangte das Logo des firmeneigenen Lagerbiers auch auf den Airbus- und Boeing-Maschinen, die im indischen Luftraum zwischen den großen Metropolen unterwegs waren.

Spätestens mit dem Aus für die Airline im Oktober 2012, als alle Kingfisher-Flugzeuge am Boden bleiben mussten und die Lizenz durch die Flugaufsicht widerrufen wurde, begann der endgültige Niedergang des Imperiums. In den Monaten zuvor waren immer mehr Flüge ausgefallen, hatten Piloten und Kabinenpersonal wegen ausbleibender Lohnzahlungen gestreikt. Ab einem bestimmten Punkt konnte Mallya, der schon erhebliche Summen aus dem eigenen Firmengeflecht in die zwar äußerlich strahlende, im Kern aber unrentable Fluggesellschaft gepumpt hatte, bei Banken und anderen Geldgebern keine weiteren Überbrückungshilfen mehr lockermachen. Kingfisher House, einst der noble Hauptsitz des Unternehmens in der Wirtschaftsmetropole Mumbai unweit des dortigen Flughafens, soll dieser Tage unter den Hammer kommen. Das haben anderthalb Dutzend institutionelle Gläubiger, die die auf 100 Millionen Dollar geschätzte Immobilie im Vorjahr durch eine gemeinsame Treuhandgesellschaft übernommen hatten, angekündigt. Alle vollmundigen Ankündigungen Mallyas, Kingfisher Airlines zu einem Neustart zu verhelfen, waren in Wirtschaftskreisen ohnehin nie ernst genommen worden.

Der Absturz des einstigen Multimilliardärs ist damit nicht beendet. Durch den Deal mit Diageo dürfte Mallya auch die Kontrolle über sein Formel-1-Team »Force India« verlieren, obwohl er dies zunächst heftig dementiert hatte. Zudem prüfen derzeit Kingfisher-Gläubiger, wie sie sich nach der Firmenpleite Zugriff auf die 75 Millionen Dollar Erlös aus dem USL-Ausstieg sichern könnten. Einst hatte die Fluggesellschaft rund 233.000 Kleinanleger, heute sind davon noch gut 50.000 übrig, die ebenso wie mehr als ein Dutzend Banken, eine Versicherung und andere Großinvestoren auf Rettung eines Teils ihres investierten Geldes hoffen. Da Mallya – in der Hoffnung auf Rettung – vor dem endgültigen Aus der Flugzeugflotte auf unübersichtlichen Wegen zwischen den Einzelfirmen seines Imperiums signifikante Beträge umgeleitet hatte, rechnen sich die Gläubiger noch Chancen aus.

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