Aus: Ausgabe vom 23.03.2016, Seite 1 / Titel

Blutbad in Brüssel

Anschläge auf Flughafen und Metrostation fordern mindestens 34 Menschenleben. Linke Politiker warnen vor militärischer Reaktion

Von Gerrit Hoekman und André Scheer
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Rettungskräfte versorgen nach dem Anschlag im Flughafen von Brüssel Verletzte

Bei mehreren Terroranschlägen sind am gestrigen Dienstag in Brüssel mindestens 34 Menschen getötet und mehr als 100 weitere verletzt worden. Fünf Personen schwebten am Dienstag abend noch in Lebensgefahr, meldete der Belgische Rundfunk BRF. Nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen sprengten sich zunächst um kurz nach acht Uhr morgens in der Abfertigungshalle des Flughafens Zaventem zwei Selbstmord­attentäter mit Nagelbomben in die Luft. Dabei starben 14 Menschen. Der Airport wurde evakuiert und der Flugverkehr eingestellt. Bei der anschließenden Durchsuchung des Gebäudes fand die Polizei Waffen und einen dritten Sprengstoffgürtel. Gut eine Stunde später explodierte in der zentral gelegenen Metrostation Maalbeek ein weiterer Sprengsatz, der mindestens 20 Tote forderte, wie die Brüsseler Verkehrsbetriebe meldeten. Der U-Bahnhof liegt nur einen Steinwurf vom Europäischen Parlament entfernt.

Nach den Anschlägen ging in der belgischen Hauptstadt zunächst nichts mehr. Neben dem Flughafen stellten auch die Metro, Straßenbahnen und Busse ihren Betrieb ein, Tausende Menschen saßen in der Innenstadt fest. Regierungschef Charles Michel forderte die Bürger im ganzen Land auf, dort zu bleiben, wo sie gerade sind.

Nach Medienberichten soll sich die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS) zu den Attentaten bekannt haben. Bei einer Pressekonferenz am Dienstag mittag wollte sich Michel allerdings nicht dazu äußern, ob der Angriff in Zusammenhang mit der Verhaftung des mutmaßlichen IS-Terroristen Salah Abdeslam am vergangenen Freitag in der Brüsseler Gemeinde Molenbeek steht. Eine solche Vermutung liegt nahe. Die kurdische Nachrichtenagentur ANF erinnerte ihrerseits daran, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erst vor wenigen Tagen Brüssel mit solchen Anschlägen »gedroht« hatte. Der Staatschef hatte am vergangenen Freitag erklärt: »Es gibt keinen Grund dafür, dass eine Bombe wie die in Ankara nicht auch in Brüssel explodiert«. Bei dem Anschlag in der türkischen Hauptstadt waren am 13. März 37 Menschen getötet worden. Am Dienstag erklärte Erdogan, die Terrorakte in Belgien zeigten, dass es keinen Unterschied mache, ob »kurdische Extremisten« in Ankara Anschläge verübten oder andere Täter dies in Brüssel täten.

Der Terrorismusexperte Lee Jarvis von der University of East Anglia im britischen Norwich warnte nach Bekanntwerden der Attentate vor einer militärischen Antwort. »Wir sollten der Versuchung widerstehen, auf diese Anschläge mit Überreaktionen zu antworten. Es wäre ein guter Anfang, sich Zeit zu nehmen und sorgfältig über den Kontext der Angriffe nachzudenken«, riet er. Der Vorsitzende der linken Partei der Arbeit Belgiens, Peter Mertens, betonte in einer ersten Stellungnahme: »Die Attentate in Brüssel wecken Entsetzen und Abscheu. Wir werden niemals vor den Wahnsinnigen zurückweichen, die das Zusammenleben mit Terror und Hass zerstören wollen.« Der Chef der deutschen Linkspartei, Bernd Riexinger, erklärte: »Es fällt schwer, angesichts der Bilder aus Brüssel zu Besonnenheit zu raten, und trotzdem ist es jetzt wichtig, vor einer Instrumentalisierung der Ereignisse zu warnen.« Für die DKP verurteilte deren Vorsitzender Patrik Köbele das Verbrechen: »Wer Krieg sät, erntet Krieg und Terror.« Das Grauen von Brüssel zeige, dass die Sicherheit der Menschen nur eine Politik garantieren könne, »die Kriege ächtet und zu einer Lösung der sozialen Widersprüche unserer Gesellschaften beiträgt«.

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Paris und die Folgen Die neue Dimension des Terrors

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