Aus: Ausgabe vom 22.03.2016, Seite 16 / Sport

Totengräber des Tennis

Der Sport stirbt! Schuld ist Indian Wells: Zähe Böden und ein sexistischer Direktor zeichneten das Turnier aus

Von Peer Schmitt
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Alles kaputt: Hier hebt Profispielerin Serena Williams im Spiel gegen Wiktoryja Asaranka ihren lädierten Schläger auf

Routiniert ging Novak Djokovic an die Titelverteidigung im Finale von Indian Wells am vorigen Sonntag. Er schob sein weißes Käppi zurück und erwartete den gefürchteten Aufschlag seines Gegners Milos Raonic. Dreimal ging dessen erstes Service game über Einstand, dann verwandelte Djokovic seinen zweiten Breakball zur 1:0 Führung. Danach war der Kuchen schon gegessen, zumindest was die Psychologie angeht. Es geschah praktisch nichts mehr, außer dass Djokovic seinen dritten IW-Titel in Folge denkbar lässig 6:2, 6:0 gewann.

Die für den Matchverlauf entscheidende Statistik: Raonic gewann bei seinem zweiten Aufschlag ganze zehn Prozent der Punkte (drei von 30!). Wenn selbst einem Aufschlagmonster wie Raonic ein derartiges Desaster unterläuft, dann ist das ein ziemlich sicheres Indiz dafür, dass die Langsamkeit der Hartplätze eine groteske Form angenommen hat.

Zuvor hatte schon im Damenfinale Serena Wiliams versucht, bei den ultralangsamen Platzböden mit brutaler Schlaghärte zu gewinnen. Sie scheiterte. Wiktoryja Asaranka gewann das Match 6:4, 6:4, führte im zweiten Satz bereits 5:1. Williams kam bis auf 4:5, 40:15 heran, spielte alles oder nichts, beging am Ende aber vier Fehler in Folge. Sie vergab im gesamten Match elf Breakpunkte!

Williams hat 2016 nunmehr ihr zweites Finale in Folge verloren, Asaranka ihr zweites in Folge gewonnen. Abermals ihr Auftaktmatch verloren hat Australian Open Champion Angelique Kerber (ihre Matchbilanz seit den AO: 1:3). Sie ist als Weltranglistenzweite durch Agnieszka Radwanska ersetzt worden, der dafür in Indian Wells das Erreichen des Halbfinals genügte.

Unfreiwillig in den Mittelpunkt des Finaltages geriet der Turnierdirektor von IW, Raymond Moore. Bei einem Pressegespräch zu weiteren Expansionen und Statuserhöhungen der ATP-Seite (Vereinigung der männlichen Profispieler) des von ihm geleiteten Turniers, hielt er es für notwendig, die WTA (Vereinigung der Profispielerinnen) abzukanzeln. Diese lebe lediglich auf Kosten der Männer (»they ride on the coattails of the men«). »Sie (die WTA)«, so Moore weiter, »entscheidet nichts und kann sich sehr, sehr glücklich schätzen. Wäre ich eine Spielerin, würde ich jeden Abend auf die Knie gehen und dafür dankbar sein, dass Roger Federer und Rafael Nadal geboren wurden, denn die haben das Spiel zu dem gemacht, was es ist.« Die Frauen nannte Moore altertümelnd »Lady play er«, mit der pejorativen Konnotation der zum Vergnügen – sprich amateurhaft – spielenden »Dame« oder »höheren Töchter«. Unfassbar!

Moores Wortwahl ist offensichtlicher sexistischer Dreck, wie er im Kontext von Profisport ja alles andere als selten ist. Im Kern dieser Äußerungen steckt allerdings eine Spur ökonomische und administrative Wahrheit. Die ATP-Tour macht mehr Gewinn, organisiert mehr Turniere und verteilt insgesamt wesentlich mehr Preisgelder. Gleiches Preisgeld gibt es letztlich nur bei den Majors, mit deren Ausrichtung weder ATP noch WTA etwas zu tun haben, und bei den drei größten »kombinierten« Veranstaltungen – Indian Wells, Miami, Madrid. Die ATP-Tour bestimmt die Bedingungen. In der Folge hat die von der ATP forcierte Verlangsamung des Spiels für die Frauen noch furchtbarere Auswirkungen als für die Männer.

Eine offensive Spielerin hat mittlerweile keinerlei Chance mehr, in IW zu gewinnen. Auch Serena Williams nicht. Sie antwortete Moore auf der Pressekonferenz nach dem Finale deutlich: »Keine Frau muss auf die Knie gehen, um auf diese Art irgend jemandem zu danken. (…) Solche Bemerkungen sind sehr, sehr, sehr unangemessen.« Wo sie recht hat, hat sie recht!

Erschütternde Bilanz also für das Profitennis nach knapp 14 Tagen Indian Wells: Scharapowa gedopt, weitere Match-Fixing-Skandalgeschichten aus Italien durchgesickert. Dazu ein paternalistischer Turnierdirektor, der am Tag der von ihm durchgeführten Siegerehrungen der Presse sexistischen Stuss erzählt, ein Djokovic, der seinen insgesamt 27. Masters-1.000-Titel gewinnt und sich dabei anscheinend nicht einmal mehr groß anstrengen muss. Es gab zwei miese Endspiele, seit Montag ist Radwanska wieder Nummer zwei und Asaranka wieder Nummer acht der Welt … Tennis stirbt. Und Indian Wells hat sich einmal mehr als aufstrebender Totengräber erwiesen.

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