Aus: Ausgabe vom 22.03.2016, Seite 8 / Ansichten

Stunde der »Experten«

Frankreich und der Terror

Von Hansgeorg Hermann

Es sei nun »Zeit für Antworten«, stellte die Pariser Tageszeitung Libération am Montag lakonisch fest. Das ist wahr. Seit dem 13. November vergangenen Jahres, als im Pariser Konzertsaal Bataclan und auf offener Straße 130 junge Menschen umgebracht wurden – von ebenso jungen Männern, hinter denen die Regierung Drahtzieher des »Islamischen Staats« (IS) vermutet –, warten die Angehörigen der Opfer auf Erklärungen. Staatschef François Hollande und sein Ministerpräsident Manuel Valls haben bisher keine geliefert.

Fast alle mutmaßlichen Todesschützen wurden noch am Tatort oder im Rahmen brutaler, völlig unsinniger Polizeiaktionen erledigt. Sie standen für Aussagen nicht mehr zur Verfügung. Statt dessen schickte Hollande den Flugzeugträger »Charles de Gaulle« an die syrische Küste, ließ Bomben über vermuteten IS-Stellungen abwerfen und verlegte einige tausend zusätzliche Polizisten samt schwerbewaffneter Militärs in die französische Hauptstadt. Das soll den Menschen dort »ein Gefühl der Sicherheit« geben, wo es – nach allem, was man in den vergangenen 50 Jahren über Terroranschläge lernen konnte – keine Sicherheit gibt.

Die Familien der Toten haben weder das eine noch das andere verlangt. Sie wollten den Präsidenten sprechen – was er ihnen bis gestern verweigerte, sie wollten Klarheit haben. Alexis Lebrun ist Wortführer der Opfergemeinschaft »Life for Paris«, er wurde im Bataclan angeschossen, er sagte am Wochenende im Fernsehen: »Wir wollen wissen, was sie (die Mörder) zu ihrer Tat gebracht hat.« Georges Salines, der für die Vereinigung »13 novembre: Fraternité et Vérité« spricht, hat seine Tochter verloren. Am Sonntag nach der Festnahme Salah Abdeslams gestand er Fernsehjournalisten: »Ich weiß nicht, was Rache ist, aber ich will verstehen«.

Weder die Regierung hat ihm bisher irgendetwas näher erklären können, noch das Dutzend »Experten« in Funk und Fernsehen, das den Franzosen täglich über die Nachrichtensendungen ungebeten ins Haus schneit. In der Regel sind das aussortierte Polizisten oder Geheimdienstler, die von Strategie, Taktik und Bewaffnung faseln, aber Thesen wie die des Sozial- und Politikwissenschaftlers Olivier Roy nicht kennen: Dass etwa die Bataclan-Täter Teil eines islamisierten Radikalismus sind und nicht eines radikalisierten Islam, bestätigten nach der Festnahme Abdeslams Zeugen, die an seinem Wohnort in Molenbeek befragt wurden. Sie beschrieben den 26jährigen als einen Typen, der sich keinen Deut um Religion scherte, der Drogen dealte und mit seinen Kumpeln durch die Kneipen zog.

Die in Algerien geborene, 42 Jahre junge Pariserin Houria Bouteldja ist Sprecherin der politischen Kleinpartei »Indigènes de la République« (PIR), insofern eine Art »geborene« Expertin. In ihrem Buch »Les Blancs, les Juifs et nous« schrieb sie: »Unsere eigenen Eltern fragen uns: ›Wer seid ihr bloß‹? Und ich antworte: die Verlierer.«

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