Aus: Ausgabe vom 22.03.2016, Seite 8 / Inland

»Unsere Schulen lässt man vergammeln«

Im Kampf gegen Krieg und Faschismus will die SDAJ die sozialen Interessen Jugendlicher in den Vordergrund rücken. Gespräch mit Jan Meier

Interview: Johannes Supe

Der 22. Bundeskongress der SDAJ ist vorbei, die jungen Kommunisten haben eine neue Leitung gewählt. An der Spitze des Verbands stehen nun Sie, Herr Meier. Wobei: Meier heißen Sie gar nicht. Warum wollen Sie ihren richtigen Namen nicht nennen?

Ich studiere Geschichte und Sozialwissenschaften, und das auf Lehramt. Doch für Lehramtsbewerber gibt es Regelabfragen beim Verfassungsschutz, wir werden also durchleuchtet. Die Radikalenerlasse, durch die in den 70ern viele Mitglieder von DKP und SDAJ mit Berufsverboten belegt wurden, liegen noch immer in der Schublade. Es ist erst wenige Jahre her, dass in Baden-Württemberg ein Lehrer, der als Antifaschist bekannt war, nicht eingestellt werden sollte.

Auch die Zahl ihrer Mitglieder gibt die SDAJ nicht bekannt. Weshalb so klandestin?

Es ist eben noch immer Politik dieses Staates, die auszugrenzen, die für die Rechte der arbeitenden und lernenden Jugend eintreten, die nicht einverstanden mit Bundeswehr-Einsätzen und dem deutschen Imperialismus sind. Wir ergreifen also Schutzmaßnahmen. In die Öffentlichkeit treten wir aber trotzdem: Viele Mitglieder der SDAJ sind in ihrem Umfeld bekannt als aktive Kämpfer und Kämpferinnen, etwa gegen Leiharbeit und miese Löhne.

Also reden wir über Ihren Verband. Der ist in den vergangenen Jahren kaum gewachsen. Woran liegt das?

Innerhalb des Verbands ist es uns gelungen, die Aktivitäten der Genossen und Genossinnen zu steigern. Wir werden also aktiver. Aber neue Jugendliche für den Kampf zu gewinnen, das schaffen wir noch zu wenig. Natürlich sind wir da mit einem massiven Antikommunismus konfrontiert. Aber in den nächsten zwei Jahren wird das unsere zentrale Aufgabe werden.

Darüber ist auch auf diesem Bundeskongress gesprochen worden, verschiedene Maßnahmen haben wir nun beschlossen. In möglichst vielen Städten wollen wir offene Treffen gegen Krieg initiieren. Die können ganz unterschiedlich aussehen. Das mag etwa ein antimilitaristisches Café sein, bei dem sich Filmvorführungen und Kulturbeiträge mit Vorträgen abwechseln. Wir möchten den Jugendlichen einen Raum bieten, um ganz einfach zusammenzukommen. Dann kann man sich regelmäßig treffen und gemeinsam Aktivitäten planen, beispielsweise, wenn die Bundeswehr in Jobcentern oder an Schulen auftritt. Denn mittlerweile ist es in Deutschland so weit, dass fast alle sechs Monate ein neuer Kriegseinsatz beschlossen wird.

Die Rechten legen einen noch höheren Takt vor: Praktisch jede Woche gibt es eine Demonstration gegen Geflüchtete. Ist Ihr Verband da auch aktiv?

Nahezu alle SDAJ-Gruppen arbeiten im Bereich Antifaschismus. Sie beteiligen sich dabei auch an Blockaden gegen die Aufmärsche von Pegida, AfD, NPD und Co.

Und schafft man beides? Ständige Gegenproteste und dazu permanent auf die Kriegsgefahr hinweisen, ist das mit Ihren begrenzten Ressourcen denn möglich?

Sicherlich zehrt es auch an unseren Kräften. Doch wir haben eine andere Orientierung als manche Antifagruppen. Da, wo wir arbeiten und leben – in der Schule, im Betrieb, im Stadtteil –, da wollen wir mit unseren Mitschülern und Azubis diskutieren. In Deutschland sind es die Banken und Konzerne, die laufend unsere Löhne kürzen. Sie sind aber nicht nur die Verursacher von sozialen Problemen, sondern sie schaffen auch die Gründe für Flucht. Waffenlieferungen und Kriegseinsätze werden von der Bundesregierung in ihrem Interesse beschlossen. Gleichzeitig wird unsere Bildung verschlechtert, unsere Schulen lässt man vergammeln. Genau darüber wollen wir sprechen, und klarmachen, dass auch Pegida und AfD nicht unsere Vertreter, sondern die des Großkapitals sind. Ein Antifaschismus aber, der nur sagt, wie böse Rassismus ist, der greift zu kurz.

Das zu sagen ist die eine Sache, das in die Tat umzusetzen eine andere. Da scheint es auch bei Ihnen zu hapern?

Es gibt Beispiele, wo es sehr gut gelaufen ist. Die Genossen und Genossinnen in Witten haben etwa in ihrer Schule angefangen, kleine Plakate und Zettel aufzuhängen. »Warum liefert Deutschland Waffen an IS-Unterstützerstaaten« hieß es darauf, oder »Hände weg von Syrien!« Im Unterricht war darüber nicht geredet worden. Doch jetzt begann die Schülerschaft, darüber zu sprechen.

Später gründete sich in Witten eine Bürgerwehr. Wenige Tage danach brannte im Ort eine Flüchtlingsunterkunft ab. Daraufhin beteiligte sich die SDAJ-Gruppe an einem breiten Bündnis, eine Demonstration gegen Rassismus und Gewalt wurde auf die Beine gestellt. 1.000 Menschen beteiligten sich daran, was für die kleine Stadt ziemlich beachtlich ist.

Jan Meier ist Bundesvorsitzender der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ)

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