Aus: Ausgabe vom 22.03.2016, Seite 6 / Ausland

Märtyrerin der Rechten

Russisches Gericht spricht ukrainische Pilotin Nadija Sawtschenko schuldig. Strafmaß wird erst heute verkündet

Von Reinhard Lauterbach
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Nadija Sawtschenko am 9. März im Gerichtssaal

Ein Gericht in der russischen Stadt Donezk im Bezirk Rostow hat am Montag die ehemalige ukrainische Luftwaffenpilotin Nadija Sawtschenko schuldig gesprochen. Das Strafmaß soll erst am heutigen Dienstag verkündet werden. Die Staatsanwaltschaft hatte 23 Jahre Lagerhaft gefordert. Der Ort des Verfahrens ist nicht zu verwechseln mit der Millionenstadt im ukrainischen Teil des Donbass, um die sich die international nicht anerkannte Volksrepublik Donezk gebildet hat.

Sawtschenko war, soviel man aus den Informationen über ihren Werdegang herausdestillieren kann, ursprünglich eine nationalistische Waffennärrin. Sie ist die erste Frau in der Geschichte der Ukraine, die zur Kampfpilotin ausgebildet wurde. Allerdings verließ sie im Frühjahr 2014 die ukrainische Luftwaffe, die zu jener Zeit nicht zu größeren Einsätzen in der Lage war. Statt dessen tobte sie ihren Kampfeswillen in den Reihen des Freiwilligenbataillons »Aidar« aus, das an der Nordfront der Region Lugansk kämpfte und schnell für Ausschreitungen gegen die Zivilbevölkerung, Plünderungen und die Folterung gefangengenommener Gegner berüchtigt war. Sawtschenko wird vorgeworfen, persönlich an solchen Folterungen beteiligt gewesen zu sein; das war jedoch nicht Gegenstand des Verfahrens.

Die Soldatin geriet im Juli 2014 in der Nähe von Lugansk in Gefangenschaft der dortigen Volkswehr. Sie soll das Artilleriefeuer ihrer Landsleute geleitet haben, durch das zwei russische Fernsehjournalisten an der Front ums Leben kamen. Dies – die Beihilfe zum Mord – war der Hauptpunkt der in Russland gegen Sawtschenko erhobenen Anklage. Ein anderer Punkt ist der Vorwurf des illegalen Grenzübertritts nach Russland. Der ist weniger nachvollziehbar: Die Kämpfer der Lugansker Volkswehr übergaben Sawtschenko offenbar schnell russischen Geheimdienstleuten, die sie dann auf die russische Seite der Grenze schafften; dass Sawtschenko in Russland auftauchte, dürfte deshalb kaum ihr eigener Entschluss gewesen sein.

In russischer Haft protestierte Sawtschenko immer wieder mit Hungerstreiks gegen ihre Inhaftierung. Ihr Schlusswort vor Gericht beendete sie damit, dass sie dem Gericht den Stinkefinger zeigte und Russland als »primitive Diktatur« beschimpfte. Auf ukrainischer Seite wurde sie sofort nach ihrer Gefangennahme zur Heldin stilisiert. Julia Timoschenkos »Vaterlandspartei« setzte sie auf den Spitzenplatz ihrer Liste für die Parlamentswahl im Oktober 2014 und behauptete im westlichen Ausland unverdrossen, die Inhaftierung Saw­tschenkos verstoße gegen die Immunität, die ihr als Abgeordneter zustünde. Das ist freilich Unsinn, denn eine solche Immunität gilt nicht rückwirkend, und als Sawtschenko gefangengenommen wurde, war sie noch keine Parlamentarierin.

Freilich hat es sich die russische Seite einfach gemacht. Während die Verteidigung der Ukrainerin – die Crème de la Crème der liberalen Moskauer Juristenszene – vorbrachte, Sawtschenko könne die ihr zur Last gelegte Beihilfe zur Tötung der beiden Journalisten schon deshalb nicht verübt haben, weil sie schon eine Stunde früher in Gefangenschaft geraten sei, und als Beweis dafür die Aufzeichnungen von Sawtschenkos Handygesprächen am Tag der Gefangennahme anbot, hat sich das Gericht darauf beschränkt, dieses Beweismittel nicht zuzulassen, ohne die Behauptung der Verteidigung inhaltlich zu widerlegen.

Angesichts der im Kern schwachen Beweislage ist interessant, dass in der Presse der Volksrepubliken zuletzt ein anderer Vorwurf gegen Sawtschenko in den Vordergrund gerückt ist. Sie habe versucht, Kameraden von »Aidar« aus der Einkesselung herauszuhauen. Diese seien gerade dabeigewesen, einen Lugansker Golfclub zu plündern. Das passt zum allgemeinen Image des Bataillons als eine Truppe undisziplinierter Marodeure.

Wahrscheinlich ging es der russischen Seite darum, mit der Aburteilung Sawtschenkos ein Faustpfand in die Hand zu bekommen, um im Wege des Austausches einige russische Geheimdienstler aus ukrainischer Haft freizubekommen. Die ukrainische Seite hat dies schon mehrfach angeboten; die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, bemerkte zu diesen Spekulationen zuletzt nur noch, man möge doch bitte das offizielle Urteil abwarten.

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