Aus: Ausgabe vom 22.03.2016, Seite 2 / Ausland

Hollande lässt bitten

Frankreichs Präsident empfängt Familien der Bataclan-Opfer

Von Hansgeorg Hermann, Paris
Hollande_meets_with_48713010.jpg
Francois Hollande – in Erwartung der Angehörigen der Anschlagsopfer vom 13.11.2015 (Elysee-Palast, Paris, 21.3.2016)

Der sozialdemokratische französische Präsident François Hollande hat am Montag in Paris Angehörige der Attentatsopfer des 13. November in den Palais Elysée gebeten. Der Staatschef empfing die Familien, nachdem die belgische Polizei am vergangenen Freitag abend – nach vier Monaten vergeblicher Jagd – Salah Abdeslam, den vermutlich letzten und einzig überlebenden mutmaßlichen Verantwortlichen der Attentate von Paris in seinem alten Wohnviertel im Brüsseler Vorort Molenbeek gefasst hatte. In den Tagen und Wochen nach den Anschlägen, bei denen 130 zumeist junge Menschen im Pariser Konzertsaal Bataclan und in Bistros des zehnten Bezirks getötet worden waren, hatte sich Hollande »aus Termingründen« entschuldigen lassen.

Sprecher der Opfergemeinschaften erklärten am Montag, zwar sei im vergangenen November angeblich »Frankreich angegriffen« worden, »aber es sind unsere Kinder, die bezahlt haben«. Ein Sprecher der Vereinigung »13 novembre: Fraternité et Vérité« sagte der Tageszeitung Figaro: »Wir sind einfache Bürger, aber wir vertreten hier die Interessen des französischen Volkes.« Das sehen Hollande, sein Ministerpräsident Manuel Valls und die Mehrheit ihres Parti Socialiste (PS) offenbar anders. Der Staatschef hatte unmittelbar nach den Attentaten Vergeltungsschläge gegen Stützpunkte des sogenannten Islamischen Staats in Syrien und Irak angeordnet; ein Revanchekrieg, den die Opferfamilien ebensowenig bestellt hatten wie die geplante, bisher nicht verabschiedete Verfassungsänderung, mit der im »Terrorismus« aktiven Straftätern doppelter Staatsangehörigkeit die französische entzogen werden könnte.

Der 26 Jahre alte Abdeslam gilt als Täter und/oder Organisator einer »Terrorgruppe«, deren Mitglieder für die Morde am 13. November verantwortlich gemacht werden. Der in Brüssel aufgewachsene französische Staatsbürger hat als einziger alle Polizeiaktionen überlebt, die den Anschlägen von Paris folgten. Vermutlich wurden alle anderen mutmaßlichen Täter und Komplizen getötet. Der durch einen Schuss ins Bein verletzte Abdeslam befindet sich in Justizgewahrsam und wird seit Freitag verhört. Sein belgischer Anwalt Sven Mary versucht, die von der Pariser Generalstaatsanwaltschaft verlangte Auslieferung nach Frankreich zu verhindern.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Paris und die Folgen Die neue Dimension des Terrors

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ausland
  • Russisches Gericht spricht ukrainische Pilotin Nadija Sawtschenko schuldig. Strafmaß wird erst heute verkündet
    Reinhard Lauterbach
  • Nepal: »Weltkonferenz der Basisfrauen« mit Hunderten Teilnehmerinnen aus 48 Ländern
    Thomas Berger
  • Regenwetter machte die Inszenierung der Ankunft von US-Präsident Barack Obama in Havanna zunichte
    Volker Hermsdorf
  • Syrien-Verhandlungen in Genf fortgesetzt. Wichtige Akteure bleiben weiter außen vor
    Karin Leukefeld
  • Großdemonstrationen zum kurdischen Neujahrsfest: Hunderttausende feiern in Diyarbakir. PKK-Kommandant warnt vor Spaltung der Türkei
    Nick Brauns