Aus: Ausgabe vom 22.03.2016, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

»Equal Pension Day« in weiter Ferne

Ungleichheit bei Löhnen und Verteilung der Sorgearbeit bringt Frauen enorme Renteneinbußen

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Ältere Frauen demonstrieren am Equal Pay Day für Lohngerechtigkeit. Die ist Voraussetzung zur Schließung der Rentenlücke: Frauen bekommen im Ruhestand nicht einmal halb so viel Geld wie die Männer

Bis Sonnabend mussten Frauen arbeiten, um das gleiche Gehalt wie Männer für das Jahr 2015 zu bekommen. Der »Equal Pay Day« markiert den Tag, bis zu dem Frauen zusätzlich malochen müssen, um die Lücke zu den Löhnen der Männer zu schließen – auf den Durchschnitt bezogen. Sie beträgt in Deutschland konstant 22 Prozent und ist damit im europäischen Vergleich riesig. Rechnet man Faktoren wie Teilzeitbeschäftigung oder den Umstand, dass sogenannte Frauenberufe »traditionell« schlechter bezahlt werden heraus, beträgt er immer noch rund sieben Prozent. Doch schaut man auf die Renten, ist die Ungerechtigkeit noch weitaus gravierender.

Zu diesem Ergebnis kommen Christina Klenner, Gender-Expertin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, sowie Peter Sopp und Alexandra Wagner vom Forschungsteam Internationaler Arbeitsmarkt in Berlin. Am vergangenen Mittwoch veröffentlichten sie eine Auswertung aktueller Daten aus dem WSI Genderdatenportal. Sie haben dokumentiert, welche Unterschiede es bei der Alterssicherung zwischen Frauen und Männern gibt. Nach ihrer Analyse sind Frauen sowohl bei der gesetzlichen Rente als auch bei der betrieblichen Altersversorgung klar im Nachteil.

Die Rente sei damit ein »Spiegelbild der geschlechtsspezifischen Ungleichheiten bei der Erwerbsbeteiligung«, heißt es in der Studie. Dass Frauen schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen, häufiger in Minijobs oder Teilzeit beschäftigt sind und oft Auszeiten für sogenannte Care-Arbeit, wie Kindererziehung oder Pflege von Angehörigen, nehmen müssen, weil Männer hier weniger Zeit investieren, habe Folgen für die finanzielle Situation im Alter. Ausgleichsmechanismen wie die Anrechnung von Erziehungszeiten könnten diese Schieflage nur zum Teil korrigieren.

Die Autoren zitieren Berechnungen der Rentenexpertin Brigitte Loose, denen zufolge der »Gender Pension Gap«, also die geschlechtsspezifische Rentenlücke, 2011 bei 57 Prozent lag. Im Osten, wo Frauen traditionell häufiger berufstätig sind (und es in der DDR vor allem länger sein konnten als heute angesichts fehlender Kitaplätze), war die Kluft mit 35 Prozent deutlich kleiner als im Westen mit 61 Prozent.

Als gesetzliche Altersrente erhielten Frauen demnach 2014 durchschnittlich 618 Euro pro Monat, Männer 1.037 Euro. Das entspricht einer Differenz von über 40 Prozent. Erheblich zurück liegen die Frauen außerdem bei der betrieblichen Altersvorsorge: 2011 bezogen 25 Prozent der männlichen, aber nur sechs Prozent der weiblichen Ruheständler eine Betriebsrente der Privatwirtschaft. Die Zahlungen waren mit 574 Euro bei den Männern im Schnitt fast dreimal so hoch wie bei den Frauen. Im öffentlichen Dienst geht es ausgeglichener zu. Männer und Frauen erhalten hier ähnlich oft Leistungen aus einer Zusatzversicherung. Allerdings beziehen die männlichen Rentner durchschnittlich 392 Euro, die weiblichen nur 250 Euro.

So kann es nicht überraschen, dass Frauen häufiger als Männer auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind. 2014 waren 314.000 oder 3,2 Prozent der Frauen über 64 Jahre und 201.000 oder 2,7 Prozent der Männer betroffen.

Notwendig für eine eigenständige Alterssicherung von Frauen wären nach Einschätzung der Wissenschaftler Verbesserungen bei den Erwerbschancen im Allgemeinen und bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Besonderen. Zudem gehörten die sogenannten Rentenreformen im vergangenen Jahrzehnt auf den Prüfstand: Die Kürzungen bei der gesetzlichen Rente hätten das Risiko der Altersarmut erhöht, das Drei-Säulen-Modell sei insgesamt gescheitert und habe die Geschlechterunterschiede zum Teil sogar verstärkt. Empfohlen wird die Rückbesinnung auf eine gesetzliche Rente, die sich an der Sicherung des Lebensstandards orientiert. (jW)

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