Aus: Ausgabe vom 21.03.2016, Seite 16 / Sport

Das Schwert denken

Eindrücke von den deutschen Kendo-Meisterschaften in Berlin

Von Klaus Weise
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Vor dem Zuschlagen ist der Gegner mit geistiger Energie zu besiegen

Zwischen Plattenbauten in Berlin-Hohenschönhausen wurde am Wochenende fernöstlicher Tradition gehuldigt. Die Sporthalle Seehausener Straße war Austragungsort der Deutschen Kendo-Einzelmeisterschaften. Kendo zählt zu den japanischen Budo-Sportarten wie Jiu Jitsu, Judo, Karate, Aikido oder Sumo. In diesen Disziplinen geht es neben Kampftechniken um eine »innere« Ebene, die sogenannte »Do«-Lehre oder -Philosophie. »Do« übersetzt sich aus dem Japanischen mit »Weg«, »Ken« bedeutet Schwert, und damit ist das Wichtigste über die Sportart gesagt.

Über tieferen Sinn und nähere Ausführungsbestimmungen ließen sich viele Bücher schreiben. Erklärtermaßen dienen die Schwertkampfübungen vor allem der geistigen Ausbildung zu Charakterfestigkeit, Entschlossenheit und moralischer Stärke. Dass solche Fähigkeiten nicht ganz so einfach in ein sportliches Ranking zu fassen sind, liegt auf der Hand. Betrieben wird die sportive Variante des klassischen Schwertkampfes der Samurai im alten Japan heute in einigermaßen martialisch anmutender dunkelblauer »Rüstung«: Jacke, weite Hose, vergitterte Maske, Handschuhe, Brustpanzer, Schurz und Kopftuch sind obligatorisch. Für die 1,15 Meter langen, 500 Gramm schweren Bambusschwerter gibt es wie für jedes Detail des Sports einen japanischen Fachbegriff, sie heißen Shinai.

Gekämpft wird vier Minuten lang auf einer zehn mal zehn Meter großen Matte unter den Augen von drei Referees. Klare, technisch saubere Treffer auf erlaubte Körperpartien ergeben einen Punkt (Ippon), derer zwei den Sieg. Gelingt der nicht in der offiziellen Kampfzeit, entscheidet der erste Treffer in der Verlängerung. Kampfschreie sind ständige Begleitmusik. Zum einen soll damit der Kontrahent beeindruckt werden, zum anderen ist das Ziel jeder Aktion zu artikulieren. Damit soll quasi die Einheit von Geist – das ist mein Plan! – und Körper – so setze ich ihn um! - dokumentiert werden. Nur, wenn getroffen wird, was beabsichtigt war, zählt der Treffer.

Ein deutscher Kendopionier, Mitsuyoshi Aoki vom Kreuzberger Verein Kokugikan: »Beim Kendo geht es darum, den Gegner zunächst mit geistiger Energie zu besiegen und dann zuzuschlagen.« Man müsse den Kontrahenten von seiner Unterlegenheit überzeugen, bevor man die Waffe einsetze. Es gehe nicht um Kraft, sondern gewissermaßen um das Lesen der Gedanken des Gegenübers. Klingt kompliziert, ist es sicher auch. Darum ist Jugend bei diesem Sport kaum von Vorteil.

Der Jurist Björnstjern Baade, in der Nebenberufung Präsident des Berliner Kendoverbandes (400 Mitglieder, sieben Vereine) und selbst aktiv mit dem Bambusschwert, empfindet es als »das Schöne im Kendo, dass das Leistungsniveau mit zunehmendem Alter beziehungsweise größerer Praxis nicht sinkt, sondern steigt«. Baade ist in den 40ern. Niederlagen gegen 60 oder 70 Jahre alte Kämpfer sind für ihn nichts Ungewöhnliches.

Das Meisterschaftsfinale der Herren gewann am Samstag allerdings der 28jährige Shinta Kato (Kokugikan). Der Student der Musik bezwang in Georg Lorenz einen angehenden Mediziner aus Dresden. Bei den Frauen triumphierte Lissa Meinberg aus Frankfurt am Main. Ab 31. März werden die Gewinner in Skopje um EM-Titel kämpfen.

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