Aus: Ausgabe vom 21.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Chef war zu Tisch

Eindrücke von der Leipziger Buchmesse

Von Annette Riemer
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Besser als eine Schlange ist so ein Schmetterling allemal

Frage an die Dame vom E-Book-Verlag: Schönes Programm, das Sie da haben, aber würden Sie nicht auch gern mal bei einem richtigen Verlag arbeiten, Ullstein oder so? Die Dame nickt schneller, als sie irritiert ist. Dann bittet sie um einen kurzen Moment, verschwindet und taucht sogleich wieder mit einem sehr seriös dreinblickenden Herrn auf, der sich die Kontaktdaten der fragenden Journalistin geben lässt. Auf keinen Fall soll der Verlag so in der Zeitung stehen. Die Dame hält den Blick gesenkt.

Bei einem österreichischen Verlagshaus irgendwo anders auf dem Messegelände macht sich eine Salzburgerin an die Vermessung Deutschlands von Süden her: »Die Bayern, des san ja unsere Nachbarn. Aber ab Nürnberg, net woar, da fängt ja schon des Saupreißen an.« Plötzlich unterbricht die offizielle Pressefrau: Keinesfalls soll so ein Gespräch an die Öffentlichkeit kommen.

Zwischen Bildbänden aus Ostpreußen ist ein Herr kurz vorm Wegnicken. Ich frage, ob er um seinen Job bange, »da die Vertriebenen in den nächsten Jahren ja so allmählich ... Sie wissen schon«. Nein, er wisse das nicht, er sei hier nur die Vertretung, der Chef sei zu Tisch.

Vieles reizt dieser Tage in Leipzig zum Sarkasmus. Etwa der Stolz darüber, dass an den ersten beiden Messetagen 75.000 Besucher gezählt wurden – 4.000 mehr als im Vorjahr! Oder wie Maite Kelly als Samstag-Highlight beworben wurde. Oder die Ehrungen: Der Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik, drei Seraph-Literaturpreise für Phantastik, neun Buchmarkt-Awards und zwei Kurt-Wolff-Preise für unabhängige Verlage gingen von Hand zu Hand. Man applaudierte, lobte und ließ Werke hochleben, deren Titel einem gerade schon wieder entfallen waren. Immerhin war mitzunehmen, dass die oberen 10.000 der Branche aufeinander eingeschworen sind.

Täglich ab zehn Uhr strömten Besucher der Messe zu. Sie kamen vom Parkplatz, schubweise mit jeder S-Bahn, quollen aus überfüllten Bussen. Unter der Glaskuppel der Eingangshalle war die Luft schon morgens stickig, ebenso in den Röhren, die in die einzelnen Hallen führen. Besonders Eilige verausgabten sich an den ersten drei Ständen, die sie vorab rausgesucht hatten. Andere verloren schon beim ersten Aussteller den Überblick. Man jagte von Sensation zu Sensation, bis einen etwa die Warteschlange an der Damentoilette zum Innehalten zwang. Da wurde vielleicht noch überdreht geplappert, doch nach dem Händewaschen ging es nicht mehr munter weiter. Es stockte.

Am frühen Nachmittag waren die meisten Besucher überreizt und unterzuckert. Die Rempeleien in den Gängen nahmen zu, auch die Lautstärke. Immer mehr Menschen gingen zu Boden, saßen, die Beine weit von sich gestreckt, am Rand. Wahrscheinlich wollten sie noch nicht gehen, konnten sich aber einfach nicht aufrappeln zur zweiten, dritten Runde durch die Hallen oder zu dem einen Stand, der unbedingt noch gesehen sein wollte, aber gerade so weit weg war.

Vor dem Wahnsinn können Journalisten in separate Bereiche fliehen, dort in Clubsessel abtauchen, kostenfrei Zeitung lesen und kostengünstig essen. Aber auch hier kann es einem zu bunt werden. Lauthals wird mit Kontakten zu den ganz großen Stars geprahlt und über den letzten Gesprächspartner hergezogen. Oder ein etwas schmieriger Kollege von einem Regionalblatt aus der Pfalz versucht sein Glück, erkundigt sich aber dummerweise vier Fragen zu früh nach dem Hotelzimmer.

Viele Autoren bitten ihr Publikum inzwischen lieber in die Stadt, als auf dem Messegelände mit ihm unterzugehen. Zwar ist das Festival »Leipzig liest« (mit der Kooperation »Halle liest mit«) inzwischen auch ein aufgeblähtes Vorlesespektakel, aber es gibt noch Reste regionaler Verankerung. Ortstermin Ring-Café am Rossplatz, ein Saal im »Stalin-Stil«, wie es in der Speisekarte heißt. Hans-Jürgen Greye stellt sein Buch »Eine blonde Geisha. Menschen aus Mitteldeutschland erzählen« vor. Etwa 150 Zuhörer erfahren von Schicksalsschlägen, die am Ende gemeistert wurden. Alles hat sich zwischen Altmark und Oberlausitz zugetragen und hört sich rührend echt an. Vielleicht sind das hier jene »Menschen draußen im Land«, die von der Politik nach Wahlen immer gleich wieder vergessen werden.

Sonntag früh, letzte Etappe. Aus dem Schwips ist ein Kater geworden, Kopfschmerzen von der schlechten Messeluft, dem permanenten Stimmengewirr. Spätestens unter der Dusche drängt sich die Frage auf, ob denn der Familientag, mit dem die Messe traditionell ausklingt, noch mitgenommen werden muss. Überhaupt, was bleibt von Leipzig? Wie in der Schuhbranche sind die Produzenten den Kunden voraus, gehen schon das Herbstprogramm und die Frankfurter Messe an. Einige Verlagsmitarbeiter erzählen beim Abbau der Stände, dass sich Leipzig ins Zeug legen müsse, um attraktiv zu bleiben für die Aussteller. Dass in diesem Jahr viele kleinere Häuser nicht dabeiwaren. Dass es sich nicht so lohnt.

Vor der Eingangshalle weht ein kalter Wind. Das Wochenende ist rum, der Montag steht ernüchternd bevor. Im Prinzip war alles wie immer. Und man wird 2017 wiederkommen.

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