Aus: Ausgabe vom 21.03.2016, Seite 5 / Inland

Gewinn auf dem Rücken der Pflegekräfte

Beschäftigte der Berliner Charité fordern vom Aufsichtsrat verbindliche Personalbemessung

Von Claudia Wrobel
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Die Pflegekräfte der Charité demonstrierten unter dem Motto »Der Umgang mit der Würde ist unfassbar«

Bei den Tarifverhandlungen in Europas größter Universitätsklinik, der Berliner Charité, geht es nicht um höhere Löhne, sondern um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen durch mehr Personal. Die Pflegekräfte wollen erreichen, dass verbindlich festgeschrieben wird, wie viele Kollegen auf einer Station während einer Schicht Dienst tun – also wie viele von ihnen für welche Anzahl Patienten verantwortlich sind. Der entsprechende, und von den Angestellten hart erkämpfte, Tarifvertrag »Gesundheitsschutz« sollte am Freitag unterschriftsreif sein. Da nämlich traf sich der Aufsichtsrat des Klinikums zur turnusmäßigen Sitzung. Doch statt zugesagter verbindlicher Festschreibungen präsentierte die Klinikleitung der Tarifkommission im Vorfeld einen Entwurf, in dem nicht mehr jede Station einzeln berücksichtigt werden sollte und außerdem nicht gewährleistet wird, dass die Stellen mit examinierten Pflegekräften besetzt sind (jW berichtete). Die Krankenhausleitung möchte statt dessen, dass sogenannte Servicekräfte eingerechnet werden. Das Berufsfeld ist nicht genau definiert. Allgemein versteht man darunter Tätigkeiten im patientenfernen Bereich, also etwa die Zubereitung von Essen.

Deshalb protestierten Pflegekräfte am Freitag nachmittag vor dem Gebäude, in dem der Aufsichtsrat tagte. Die Beschäftigten bekräftigten ihre erneute Streikbereitschaft. Im vergangenen Sommer waren sie zehn Tage lang in den Ausstand getreten und hatten diesen beendet, weil ihnen die Erfüllung ihrer Forderungen zugesagt worden war. Über den genauen Wortlaut des Vertrags laufen seitdem die Verhandlungen. Die Gewerkschaft ver.di ist empört, dass das Krankenhausmanagement seine Zusagen nicht einhält. Eine Pflegerin, die nicht namentlich genannt werden möchte, sagte gegenüber jW: »Wir schieben etliche Überstunden vor uns her, kommen aus dem ›Frei‹, wenn eine Kollegin krank wird, und nehmen unsere Aufgaben sehr ernst.« Allerdings könnten sie die kaum noch erledigen, da die Personalsituation es nicht zulasse, sich dem einzelnen Patienten ausreichend zu widmen. »Dabei ist es doch wichtig, dass man sich Zeit nimmt, Abläufe und Diagnosen erklärt.« Das nehme vielen die Angst, denn ein Krankenhausaufenthalt sei immer belastend.

Besonders wütend sind die Kollegen, dass ihnen dieser Einsatz nicht gedankt wird, sondern das Management sich damit rühmt, Gewinn zu erwirtschaften – als eine von wenigen Unikliniken deutschlandweit. »Auf unserem Rücken«, wie die Pflegekräfte immer wieder betonen. Dabei geht es ihnen, wie mehrfach zur Sprache kam, um Würde – die der Pfleger, die nicht durch Arbeitshetze krank gemacht werden sollen, ebenso wie um die der Patienten.

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