Aus: Ausgabe vom 19.03.2016, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Schwarzer Kanal: Systematisch Großes tun

Von Arnold Schölzel

Die Sowjetunion sei ein Koloss auf tönernen Füßen, vermutete der »Führer« und startete den »Fall Barbarossa« im Sommer vor 75 Jahren. Weihnachten sollte in Moskau gefeiert werden. Daraus wurde nichts, aber dankbar schlugen sich seine 1945 für kurze Zeit orientierungslosen deutschen Kriegsgewinnler, Generäle, Frontberichterstatter, Folterknechte, Rassengesetzkommentatoren oder Blutrichter westlich der Elbe auf die Seite der stärkeren Bataillone. Der bis 1945 in Deutschland gepflegte Antikommunismus war weiterhin gefragt, den Antisemitismus unterdrückten die Antisemiten problemlos, sie hatten ja noch die Russen. Die wollten die Autoren des Plans für den deutschen »Generalplan Ost« (vornehmlich später in der Bundesrepublik als Leuchten ihres Fachs geltende Historiker) ebenso auslöschen wie die von den Nazis als Juden Bezeichneten. Die deutsche Mainstreampublizistik demonstriert seit einigen Jahren verstärkt, dass sie sich dieser Tradition verpflichtet fühlt, nichts vergessen und nichts gelernt hat. Der amtierende US-Präsident gab die Leitparole für den publizistischen Umgang mit Russland aus, als er das Land als »Regionalmacht« mit »schlackernder Wirtschaft« einstufte.

Daher das »Na und?« als Reaktion auf die Nachricht, dass der Hauptteil der russischen Truppen aus Syrien abgezogen wird. Nikolas Busse schrieb am Mittwoch in der FAZ, der Vorgang sollte »vor allem jenen westlichen Politikern zu denken geben, die in Russland immer noch eine Ordnungsmacht sehen wollen, ohne die man die großen Konflikte und Probleme unserer Zeit nicht lösen könne«. Das hatten sich in den guten alten Zeiten vor 70 Jahren, als vor allem Osteuropa in Trümmern lag und der »Iwan« an der Elbe stand, diejenigen in Westdeutschland, die wieder das Heft in die Hand nahmen, auch gesagt: Mit den Möchtergerns kann man nicht reden, und das ist auch nicht erforderlich. Notfalls helfen Atombomben auf Leipzig und Dresden, wie es 1958 im Bundestag hieß. So weit geht Busse nicht, aber allen Russland-Verstehern bedeutet er: Mit diesem Reich des Inferioren ist Großes nicht zu machen. Man schaue sich nur den russischen Staatschef an. »Putins syrische Episode gibt denen recht, die ihn noch nie für einen Strategen, sondern allenfalls für einen gewitzten Taktiker gehalten haben. Systematische Projekte nach der Art des Westens, wie die Stabilisierung von Krisenregionen oder der Kampf gegen den Dschihadismus, sind ihm ganz offensichtlich fremd. Putin sucht den kurzfristigen Vorteil und den auch nur aus seinem engen nationalen Blickwinkel.« So ist das eben mit geistig verzwergten Regionalmachtfürsten. »Wir« unterhalten dagegen rund 1.000 Militärbasen rund um den Globus und zertrümmern systematisch einen »Neger«staat nach dem andern – von Libyen bis Afghanistan –, aber diese neuste »Last des weißen Mannes« kann »uns« ein unzuverlässiger Politiknomade nicht abnehmen. Der hat höchstens ein gutes Dutzend Militärstützpunkte jenseits seiner Landesgrenzen. Er kennt sich in der weiten freien Welt einfach nicht aus, und die ist aufgeteilt und an »uns« vergeben.

Anmerkung: Nikolas Busse ist ein erfahrener Stratege. Als die Schröder-Regierung eine Teilnahme am Krieg George W. Bushs und Anthony Blairs im Irak 2003 verweigerte, unterzeichnete Busse gemeinsam mit Mitgliedern und Freunden des Vereins Atlantik-Brücke eine Zeitungsanzeige, in der es hieß: »Heute, da die Welt sich gegen Terrorismus und die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen wehren muss, bekräftigen wir die Verbundenheit mit den Vereinigten Staaten.« Beim systematischen Staatsterror des Westens ist es geblieben, die irakischen Massenvernichtungswaffen wurden nie gefunden, allerdings reicht für einen FAZ-Kommentar ein Bekenntnis zur Allmacht der USA – 2016 ist Busse wie 2003 im Glauben fest.

Mit den russischen Möchtergerns kann man nicht reden, und das ist auch nicht erforderlich. Notfalls helfen Atombomben auf Leipzig und Dresden, wie es 1958 im Bundestag hieß.

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