Aus: Ausgabe vom 19.03.2016, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Kein Boom in Sicht

Die türkische Wirtschaft hat ihre beste Zeit hinter sich. Politische Krise, geringer Kapitalzufluss und Strukturprobleme bremsen

Von Wolfgang Pomrehn
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Bosporus-Brücke mit Blick auf den Neubau der »Camlica«-Moschee in Istanbul

Die Wirtschaft in der Türkei ist laut Angaben der Weltbank im vergangenen Jahr um 3,8 Prozent gewachsen. Das ist mehr als erwartet, aber weit von Zahlen der »Boomzeit« wie dem Plus von 8,8 Prozent aus dem Jahre 2011 entfernt. Im vergangenen Jahrzehnt hatten enorme Zuwachsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) den Aufstieg der Regierungspartei AKP und ihres seinerzeitigen Parteichefs und jetzigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan maßgeblich begründet. Für das kommende Jahr sind die Prognosen schwierig, weil das Land politisch destabilisiert scheint. Dennoch sagen Ökonomen ein »kräftiges Wachstum« voraus, aber zugleich auch eine über fünf Prozent liegende Inflation. Auch die wirtschaftliche Situation wird offensichtlich nicht stabiler, nicht zuletzt weil der Tourismussektor stark angeschlagen ist.

Die Probleme sind die alten. Das Land hat seit langem eine negative Handels- und Zahlungsbilanz. Im vergangenen Jahr wurde das lediglich durch niedrige Energiepreise abgemildert. Sobald der Ölpreis wieder anzieht, wird sich auch dieses Problem erneut verschärfen. Die negative Zahlungsbilanz macht das türkische Wirtschaftswachstum noch stärker von Auslandskrediten und dem Zustrom ausländischer Direktinvestitionen abhängig. Doch solange keine hohen Renditen winken, ist das Kapital bekanntlich ein »scheues Reh«. Entsprechend könnte der von Erdogan wieder entfachte Bürgerkrieg sich bald in verstärkten ökonomischen Problemen niederschlagen.

Dabei haben selbst die Boomjahre nicht nur Gewinner zurückgelassen. Die Arbeitslosenrate ist offiziell mit über zehn Prozent nach wie vor hoch. Betroffen sind besonders jüngere Menschen. Unter den 15 bis 24jährigen liegt sie bei 18 Prozent. Trotz expandierender Wirtschaft hat das Land der Jugend also wenig Zukunft zu bieten.

Struktur und Entwicklung der Exportindustrie stehen ebenfalls nicht im Verdacht, unbedingt nachhaltig zu sein. 2002 war die durch hohe Arbeitsintensität, niedrige Löhne und geringe Wertschöpfung geprägte Textilindustrie mit einem Anteil von etwas mehr als einem Drittel mit Abstand wichtigste Exportbranche. Landwirtschaftliche Produkte, die ebenfalls vergleichsweise wenig zur Wertschöpfung beitragen, machten zehn Prozent aller Ausfuhren aus. Bis 2014 hat sich das Bild nicht grundsätzlich geändert. Mit immer noch 19 Prozent führen Textilien und Bekleidung weiter die Rangliste der Exportwaren an. Der Anteil der Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie liegt nach wie vor bei rund zehn Prozent. Eine Verschiebung zum Export von Gütern mit längerer inländischer Wertschöpfungskette ist bisher nicht auszumachen. Auch die ost- und südostasiatischen »Tigerstaaten« hatten einst ihren ökonomischen Aufstieg mit arbeitsintensiven Produkten der Textil- und Spielzeugindustrie, zum Teil auch der Elektronikbranche begonnen. Diese hatten danach aber ihre Industriestruktur mit Branchen stabilisiert, die höher veredelte Waren herstellten, mit mehr Technikeinsatz und einem deutlichen Zuwachs bei der Wertschöpfung. Die Türkei exportiert zwar Kraftfahrzeuge und Kraftfahrzeugteile in nennenswertem Umfang, diese werden jedoch in annähernd gleichem Umfang auch importiert. Dieser Industriezweig scheint also weniger eine eigenständige Errungenschaft als Teil der internationalen Zulieferkette der großen Automobilmarken zu sein.

Auch ist es der Wirtschaft bisher nicht gelungen, ihre Handelsbilanz ins Plus zu drehen. In Ostasien war das seinerzeit eine der wesentlichen Voraussetzungen für den langanhaltenden Aufstieg erst Japans, dann Südkoreas und Taiwans und schließlich Chinas. 2002 hatte das türkische Defizit im Warenaustausch mit dem Ausland umgerechnet 16 Milliarden US-Dollar betragen und ist dann über 52 Milliarden (2006) und 70 Milliarden (2008) bis 2014 auf 84 Milliarden Dollar (rund 75 Milliarden Euro) angewachsen.

Wegen dieses Ungleichgewichts im Handel mit dem Ausland ist die Türkei, wie erwähnt, besonders auf den stetigen Zufluss ausländischen Kapitals angewiesen. Der strömt vor allem in das Bank- und Versicherungsgewerbe sowie in die Industrie. In den vergangenen Jahren flossen allerdings auch große Summen ausländischen Kapitals in Immobilien. Mit rund 4,3 Milliarden Dollar machte dieser Teil 2014 bereits etwas mehr als ein Drittel des Nettokapitalimports aus. Grund dürfte dafür auch das besondere Gewicht sein, das die AKP-Regierung nach wie vor auf die Bauindustrie legt, auf Prestigebauten und neue Straßen. Doch das lässt nichts Gutes erwarten. In so unterschiedlichen Ländern wie Japan, den USA, Spanien und Griechenland haben geplatzte Spekulationsblasen im Immobilienbereich und eine damit einhergehende implodierende Bauwirtschaft in den vergangenen drei Jahrzehnten zu schweren Krisen geführt.

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