Aus: Ausgabe vom 18.03.2016, Seite 16 / Sport

Streunende Riesenslalomstangen

Wie der FC Bayern mal wieder ins Viertelfinale der Champions League einzog

Von André Dahlmeyer
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Aufreizend lasziv durch die Beine: Paul Pogba landete den ersten Treffer für Juve

Juventus Turin hat zum zweiten Mal hintereinander das europäische Triple verzockt. Dabei waren die Kicker aus dem Piemont nach dem 2:2 im Hinspiel leicht favorisiert in den Achtelfinal-Rückkampf in der Münchner Allianz-Arena gegangen. Unter dem Strich spielten vier Deutsche (FC Bayern; davon zwei aus dem Freistaat) gegen drei Italiener plus Sami Khedira (Juve). Bei der »Alten Dame« kam spät – mit der Einwechslung von Stefano Sturaro – ein vierter hinzu. Sieben Weltmeister standen auf dem Platz, vier Deutsche, zwei Italiener und ein Spanier. Dazu kam mit »König Arturo« Erasmo Vidal Pardo ein Amerikameister.

Die Bayern waren nach dem völlig verpatzten Hinkampf dennoch guter Dinge. In der Gruppenphase hatten sie »dahoam« nur einen Gegentreffer kassiert. Allerdings in Turin gleich zwei. Wo Manuel Peter Neuer doch in der Bundesliga nur einen halben Ball pro Match einfängt. Gegen einen halben Ball zu treten, ist ungefähr dasselbe, wie gegen ein Plastekehrblech zu latschen. In so einer Situation kann es sinnvoll sein, nicht allzuviel nachzudenken, einfach draufzuhalten und darauf zu setzen, dass der Torrumsteher im Zweifelsfall mit dem Objekt seiner Begierde im Arm in den eigenen Reusen versinkt.

In der Bundesliga klappt das bei den Bayern im Schnitt einmal pro Spiel; derart gute Nachrichten haben sich mittlerweile sogar bis ins Piemont rumgesprochen, weswegen also auch die Turiner mit bestem Humor anreisten. Wie erwartet spielten die Kicker von Massimiliano Allegri von Beginn an Pressing. Es dauert keine zwei Minuten, und Douglas Costa schlägt den Gästen einen Pass in den Rücken, den Vidal im Sechzehner nicht unter Kontrolle bringt.

Nach exakt fünf Minuten klingelt es. Der Schweizer Stephan Lichtsteiner vernascht halbrechts den Österreicher David Alaba. Nachdem auch Neuer einen Bock schießt, hat Paul Pogba von knapp hinter dem Sanktionspunkt keine Mühe, den Ball aufreizend lasziv durch die Beine des auf der Linie herummarodierenden Rottweilers Jo­shua Kimmich zum 0:1 für den Tabellenführer des Calcio einzulochen. Der Asterix Franck Ribéry antwortet mit einem Volleyknaller, der viel später irgendwo in Unterhaching schwere Unwetterschäden verursacht.

Bayern völlig von der Rolle: Ohne Ballbesitz, phantasielos. Dann annulliert der schwedische Schiri Jonas Eriksson ein regelgerechtes Tor von Álvaro Morata. Neuer hatte durch einen neuerlichen »Blooper« das Abseits klar aufgehoben! Der FC Bayern spielt zu Hause und generiert keine einzige Torchance. Nicht mal annähernd. Man hätte sich darauf verlegen können, Gianluigi Buffon Postkarten zu schicken, aber die wären auch nicht angekommen.

Nach einer knappen halben Stunde fällt eines der schönsten Tore dieses Jahres. Morata stiehlt den Ball in der eigenen Hälfte, flitzt wieselflink über den ganzen Platz, degradiert die Bajuwaren zu streunenden Riesenslalomstangen wie weiland Diego Maradona bei der WM 1986 in Mexiko die Engländer, legt rechts dem Pekerman-Boy Jürgen Wilhelm Cuadrado auf. Der Ex-Independiente Medellín tanzt zwei Verteidiger aus und lässt anschließend Neuer mit einem zarten halbhohen Schuss ins kurze Eck keine Abwehrchance. In der Nachspielzeit hat Cuadrado das 0:3 auf dem Fuss. Neuer sagt nein.

Nach dem Wechsel macht Allegri alles falsch und Pep Guardiola alles richtig. Das Spiel wird zum Gelb-Festival, so wie man es von Eriksson kennt. Rot zeigt der nie. Juve steht jetzt nur noch am eigenen Sechzehner (das hatte ich nicht erwartet) und bringt die Bayern damit zurück ins Match. Nach einer Stunde bringt Guardiola Kingsley Coman für Xabi Alonso. Hervorragend. Erste Pfiffe. Vidal trabt nur noch.

Neuer taucht jetzt regelmäßig an der Mittellinie auf. Ein ganz schlechtes Zeichen. Wenn die Bayern ausgleichen, ist Juve erledigt, denke ich. Es steht immer noch 0:2, aber genauso kommt es. Nach Treffern von Robert Lewandowski und Thomas Müller (91‘) schleppen sich die Rummenigge-Adepten unverdient in die Verlängerung, gewinnen da dann aber verdient. Der Juve bleibt der Scudetto (ich halte für Napoli) und das Coppa-Italia-Finale gegen den AC Milan, einen der verzichtbarsten Klubs dieses misshandelten Planeten. Amén.

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