Aus: Ausgabe vom 18.03.2016, Seite 10 / Feuilleton

Showtime!

Kreuzberger Notizen

Von Eike Stedefeldt
D13D0214Zwangsraeumung061208_2.jpg

Aufgrund von Sitzblockaden vor dem Wohnhaus und in der Wiener Straße war es der Polizei zunächst nicht möglich, die Gerichtsvollzieherin auf direktem Weg ins Haus zu bringen. Sie tarnten sie mit einer Polizeiuniform und brachten sie über die Hinterhöfe der Wiener Straße 13 in die Lausitzer Straße 8.« Lachen Sie nicht, das ist keine Szene aus einer drittklassigen Komödie. So sieht das aus, wenn sich der Rechtsstaat nackig macht. Am hellichten Tag, mitten in Kreuzberg. Und offenbar gibt es Gerichtsvollzieherinnen, die Selbstverachtung genug erworben haben, sich derart vorführen zu lassen. Sexismus hat viele Gesichter. Wenn man hinsieht. Wer noch tiefer blickt, erkennt die unwiderstehliche Wollust, die darin liegt, Macht über das Leben anderer auszuüben – und sei es als Stellvertreterin.

Was der Familie Gülbol aus der Lausitzer 8 widerfuhr, ist nur ein Beispiel von tausenden in Berlin, wurde aber zum Fanal. »Die Zwangsräumung einer Familie im Februar 2013 in Kreuzberg, von 850 PolizstInnen unter dem Protest von 1.000 Menschen durchgeprügelt, und der tragische Tod von Rosemarie F. zwei Tage nach ihrer Zwangsräumung haben das Thema Zwangsräumungen bundesweit in die Öffentlichkeit gebracht«, heißt es in der Einladung zu der am 10. März im Bezirksmuseum am Kottbusser Tor eröffneten Schau des Umbruch-Bildarchivs. »Die Foto-Ausstellung ›Ob Nuriye, ob Kalle – wir bleiben alle!‹ dokumentiert einen Ausschnitt des stadtweiten Widerstandes gegen Zwangsräumungen in Berlin.«

So auch den gegen die Exmittierung der Familie A. aus der Reichenberger Straße 73. »Die fünfköpfige Familie hatte die Miete ordnungsgemäß bezahlt und wollte den Schlüssel am Monatsende abgeben. Vermieter Ernst Brenning, der in den letzten Jahren 11 Mietparteien aus dem Haus geklagt und in neun Fällen damit auch Erfolg gehabt hatte, bestand auf einer Zwangsräumung.« Und das, obwohl die Wohnung vorsorglich schon verlassen worden war. Um den Staatsakt zu vereiteln – der Berufungstermin gegen den Räumungstitel war angesetzt, eine Kaution hinterlegt –, saßen am 27. März 2014 an die 80 Menschen vor dem Haus. »Bis 10 Uhr wurden rund 100 PolizistInnen in Kampfmontur herangeschafft, derweil Handwerker den Hauseingang von innen im Auftrag des Hauseigentümers verschraubten. Kurz darauf prügelte die Polizei den Eingang des Nachbarhauses frei«, sagt der Bildtext. »Die Polizei führte die Gerichtsvollzieherin und einen Schlosser über den Hinterhof zur Wohnung der Betroffenen, welche schließlich die Wohnungsschlüssel übergaben.« Die Beamten hätten selbst noch nach Auflösung der Sitzblockade die Menge attackiert und elf Personen verhaftet.

Der vor Mieterwillkür vom Staat geschützte Anwalt, Notar und Vierfachvater Ernst Brenning hingegen, geboren 1952, hat außer Immobilien noch ein weiteres Hobby: Als stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender der Evangelischen Schulstiftung Berlin-Brandenburg ist er Lobbyist sogenannter freier Schulen. Deren spezielle Freiheit von armen, obdachlosen und sonstigen Unterschichtsbälgern ist natürlich eine üble Legende. Recht wahr ist aber, daß der standhafte Christenmensch im CDU-Landesvorstand sitzt – als dessen Justitiar.

Die Vernissage war einer von zwei parallelen Terminen. Zu dem anderen, »Kippt der Kotti?«, bat das Museum im Stile eines netten Waldorf-Kindergärtners: »Zunehmende Kriminalität, Verwahrlosung, Respekt- und Rücksichtslosigkeit verunsichern die Menschen am Kottbusser Tor. Brauchen wir mehr Polizei und andere Ordnungskräfte? Können wir die ›Selbstheilungskräfte‹ des Kiezes mobilisieren?«

Nein, können »wir« nicht, weil wir, die gleich »darüber diskutieren«, lieber nicht über den Rassismus oder unsere Verarmungs- und Verdrängungspolitik reden, von der wir und unsere Stammwähler so gut leben. Darum können wir auch nicht unser kaputtes System abschaffen, sondern höchstens jene »heilen«, die an ihm kaputtgehen: mit Bildung und Repression, da wir sie entweder für blöder als uns selbst oder einfach für böse halten. Zuckerbrot und Peitsche.

Wirklich gelungen war allerdings die Raumzuweisung. Im Dachgeschoss gaben sich die Grünen- Bildungsstadträtin, ein von ihrer Partei gern gebuchter Migrationsforscher, die Chefin des Polizeiabschnitts 53 und als Moderatorin die Vorsteherin des Bezirks­parlaments von den Grünen die Ehre einer »Abendschau«-tauglichen Runde mit »Betroffenen«. Im Parterre aber lagerte sich’s dicht. Dem Auftakt zur Ausstellung mit Musik musste die enge Historische Druckerei genügen, den Fotos selbst der »Glasturm«, vulgo: das Treppenhaus. Es war ungemütlich, alle naselang wollte jemand durch. Na, wenigstens kein Rollstuhl. Vor allem aber belästigten Aufnahmen von Neu-Obdachlosen und Knüppelpersonal an den Außenwänden des Fahrstuhlschachts keinen, der den direkten Weg nach oben gewöhnt ist.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton