Aus: Ausgabe vom 18.03.2016, Seite 8 / Ansichten

Callcenter des Tages: Brasilien

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Hohe Wellen in Brasiliens Medien: Das Jornal Nacional der Globo-Gruppe, wichtigstes Nachrichtenmagazin des Landes, zitiert ausführlich aus den abgehörten Telefonaten

Dilma hat den Kanal voll. Der von Wikileaks 2013 enthüllte NSA-Spionageskandal um ihre angezapfte Leitung ist gerade ausgestanden und Barack Obama hat seiner brasilianischen Amtskollegin in die Hand versprochen, dass die USA sich nun am Riemen reißen, da muss Rousseff erfahren: Auch abhörtechnisch steht der Hauptfeind im eigenen Land. Am Donnerstag gab Staatsanwalt Sérgio Moro Mitschnitte von Telefonaten frei. Seit Februar hatte dieser Expräsident Lula da Silva überwachen lassen. Darunter auch Gespräche zwischen ihm und seiner Nachfolgerin im höchsten Amt. Das allein ist ein Rechtsbruch. Kalkulierte Provokation eines Möchtegern-Volkstribuns? Auf einem der Mitschnitte ist zu hören, wie im Büro der Präsidentin die Verbindung zu Lula erst hergestellt wird. Bingo! Dort klebt also die Wanze. Ihr Züchter Moro möchte den wichtigsten Linkspolitikern des Landes eine Verbindung zu den Korruptionsskandalen um den teilstaatlichen Ölkonzern Petrobras nachweisen. Die seit 2003 regierende Arbeiterpartei PT soll dort getankt und Schmierstoff für den Politikbetrieb in Brasília bezogen haben. Moros Vorbild sind die »Mani pulite«-Untersuchungen, die in Italien das klassische Parteiensystem einstürzen ließen. Mit dem Kollateralschaden namens Berlusconi. Moro ist ein Star für diejenigen, die die Linke für alle Übel im Land verantwortlich machen und »Weg mit Dilma, weg mit Lula!« fordern. Ausgerechnet Lula, für die Ärmeren immer noch Präsident der Herzen, ist ihm vorerst entwischt, von Dilma zum Kabinettschef gemacht. »Haltet die Diebe«, ruft ausgerechnet die rechte Opposition und Moro füttert gern deren Medien. Dilma hat mit Lula ihren letzten Joker gezogen. Und zieht endlich andere Seiten auf: Mit »allen juristischen und administrativen Mitteln« soll der »offenkundige Verfassungsbruch« verfolgt werden. Mal sehen, wem am Ende die Ohren glühen. (pst)

Mitschnitt des Gesprächs: socialistamorena.com.br

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