Aus: Ausgabe vom 17.03.2016, Seite 16 / Sport

Großkotz aus der Provinz

Von der VIP-Tribüne zum »Penis-Gipfel«: Über den Niedergang des SC Paderborn

Von Christoph Horst
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Mit Gruß an den Trainer: Fan von Borussia Dortmund beim Spiel gegen den SC Paderborn im Herbst 2015

Nur noch wenige Spieltage, und der SC Paderborn aus Ostwestfalen zwischen Ruhrgebiet und Hannover hat geschafft, was in der Vergangenheit nur wenigen gelungen ist: den direkten Durchmarsch aus Liga 1 in Liga 3. Selbst Lokalrivale Arminia Bielefeld blieb nach dem Erstligaabstieg 2009 zumindest zwei Jahre in der zweiten Bundesliga, bevor es in die Bedeutungslosigkeit der ökonomisch hochgeputschten dritten Liga ging, die ein Sammelbecken von an finanziellen Anforderungen gescheiterten Traditionsvereinen und zweiten Garnituren von Profiteams ist.

Paderborn hat sich gefreut über den Bundesligaaufstieg 2014, und mit Paderborn ist vor allem das Stadtmarketing gemeint, das die Spieler zu Helden machte – »Helden geben niemals auf« –, sowie Einwohner mit der Mentalität des Dabeiseinmüssens, wenn sich im Dorf mal etwas tut. Auch das regional mächtige Unternehmen katholische Kirche profitierte vom Fußballboom, indem Pfaffen die Medienpräsenz als Trittbrettfahrer nutzen und zudem Aufträge wie die Fanbetreuung abgriffen. Die vor Paderborns Aufstieg ins Profigeschäft 2005 sozialisierten Fußballfans der Region fuhren und fahren weiterhin zu ihren alten Lieblingsklubs Richtung Rhein-Ruhr, eine echte Fanszene etablierte sich, wenn überhaupt, nur schleppend.

Zwar konnte in der Erstligasaison in Paderborn das nach einem Autozulieferer benannte Stadion mit einer Kapazität von 15.000 – knapp zehn Prozent der Einwohner des Stadtgebiets – voll ausgelastet werden. Ausnahmen gab es nur, wenn das Gästekontingent nicht ausgeschöpft wurde. Aber echte Fußballinteressierte waren im Verhältnis zu den Eventhungrigen in den Kurven meist rar. Nach dem erwartbaren und sehr verdienten Abstieg verflog das Interesse schnell wieder. Auf der VIP-Tribüne zu sitzen war kein Teil der regionalen Werbestrategie mehr. Der Zuschauerschnitt in dieser Saison liegt bei etwas mehr als 10.000, was in der Zweitliga-Zuschauertabelle den 15. Rang bedeutet. Gewollt wird in Paderborn traditionell allerdings immer mehr.

Auch deswegen wurde Anfang des Jahres ein millionenschweres neues Trainingszentrum eingeweiht, das die Profis vor unerwünschten Blicken der benachbarten Berufsschüler auf dem vorherigen Probeplatz schützt. Ebenfalls Nachbarn waren die Zweitligabasketballer der Paderborn Baskets, die mit dem Möbelhaus von SCP-Präsident Wilfried Finke den gleichen Sponsoren haben wie die Fußballerkollegen, aber obendrein noch »Finke Baskets« getauft wurden. Zwar muss man es Finke danken, dass er den Basketball unterstützt. Die Baskets sind aber eh stärker in der Basis verankert, besonders durch eine ausgeprägte Jugendarbeit.

Als es zu Beginn dieser Saison als frischer Absteiger – wiederum erwartbar – nicht lief, wurde Stefan Effenberg zum 11. Spieltag als Trainer geholt. Vorgestellt hat er sich auf seiner ersten Pressekonferenz mit einem arroganten »Ich bin’s wirklich«. Effenberg hatte zwar zuletzt wegen des Versäumnisses von Fortbildungen keinen gültigen Trainerschein und wegen Trunkenheit am Steuer auch keinen Führerschein. Gerade durch solche Schlagzeilen konnte er aber für kurze Zeit das Interesse von Blättern, die gerne im Privatleben anderer herumschnüffeln, auf Paderborn ziehen. Ein Großkotz in der Provinz, das hatte Potential, vom sportlichen Desaster abzulenken. Gebracht hat es im Ligabetrieb – ein drittes Mal erwartbar – nichts.

Nach zwei Siegen in den ersten Spielen unter Trainer Effenberg folgten sechs Unentschieden und sechs Niederlagen. Statt dessen gab es nun irgendwelche, vorsichtig formuliert, komischen Geschichten. Darunter fielen beispielsweise die fristlose Suspendierung langjähriger Publikumslieblinge ohne Angabe von Gründen und Trainingslager, die Effenbergs Hauspostille Bild Vorlagen für Schlagzeilen gaben wie: »Effe motzt gegen Hose-runter-Stürmer« oder »So lief der XXL-Penis-Gipfel zum Genital-Skandal«. Effenberg ist nun auch Geschichte, dem Präsidenten gefielen weder die Leistungen noch die Schlagzeilen, die er sich selber eingekauft hat, und zuviel wurden ihm auch die Einmischungen von Frau Effenberg, die unterhalb einer gewissen Niveaugrenze auch für irgendwas mit Medien bekannt ist.

Finke wollte den SCP nicht zu einem »SC Effenberg« verkommen lassen, schließlich weiß jeder, dass es ein »SC Finke« zu sein hat. Am 6. März wurde auch der langjährige Sportchef Michael Born entlassen, auch er ohne öffentliche Bekanntgabe von Gründen. Es ist das vielleicht eindrucksvollste Beispiel für die totale Zerlegung eines Profivereins in der zurückliegenden Dekade. Als neuer Trainer wurde René Müller aus dem eigenen Amateurbereich geholt, der gegen Greuther Fürth am 5. März ein Unentschieden erreichte.

Zum Klassenerhalt wird’s nicht reichen. Wer im Kader Fußball spielen kann, wird den SCP nach einem Abstieg in Liga 3 verlassen, so dass mit ein wenig Mut noch ein Durchreichen in die Regionalliga vorhergesagt werden kann. Ob Finke ausreichend Möbel verkauft, um den Verein dann noch am Leben zu halten, wird sich zeigen. Die F- bis A-Jugend der umliegenden Kleinvereine wird sich ihre Idole aber wieder im weiteren Umkreis bei richtigen Fußballvereinen suchen müssen.

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