Aus: Ausgabe vom 17.03.2016, Seite 10 / Feuilleton

»Endlich mal fieken«

Irma Nelles, Büroleiterin von Spiegel-Gründer Augstein, plaudert aus dem Nähkästchen

Von Otto Köhler
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Cannabiskonsument Rudolf Augstein mit seiner Bürodame Irma Nelles. Undatiertes Foto

Es geschah während der vierten Ehe Rudolf Augsteins. Der große Rundfunkmann Henri Re­gnier erläuterte der ehemaligen Bonner Spiegel-Aushilfssekretärin und nunmehrigen Studentin Irma Nelles, Rudolf habe zwar jetzt eine »wirklich tolle« Freundin, eine »richtige Intellektuelle«. Indes: »Rudolf braucht aber eine richtige Frau, eine, die ihm Suppe kocht«.

Einige Wochen später rief Augsteins Sekretärin bei der Studentin in Bonn an, ob sie wohl am Nachmittag dasei, und kurz danach ließ der Herausgeber sich auf ihr Ikea-Sofa fallen: »Hast du ein Bier?« Er trank aus der Flasche. Sie saßen eine Weile unschlüssig herum. Augstein: »Hast du noch eine?« Sie hatte nicht.

Weiterhin Originalzitat Irma Nelles: »Der Herausgeber seufzte anhaltend. Ich muss einen neuen Hausstand gründen, sagte er dann, als handele es sich um eine geschäftliche Angelegenheit. Dazu brauche ich dich. Sieh mal, du bist doch arm wie eine Kirchenmaus … Und ich bin ziemlich reich, fügte er lässig hinzu und stellte dabei langsam die leere Bierflasche vor sich auf den Boden.« Sie geriet in Verlegenheit, verglich Augsteins Millionen mit den 317,78 Mark Miesen auf ihrem Konto. »Du kannst es dir ja in Ruhe überlegen«, sagte er und ging.

Nach zwei Jahren rief Augsteins Sekretärin wieder an und beorderte Irma Nelles zum Frühstück ins Rheinhotel Dreesen in Bad Godesberg: »Rudolf Augstein saß in einem dunkelroten, seidenen Morgenmantel am Fenster mit Ausblick auf das Siebengebirge.« Er klagte, wie »entsetzlich einsam« er doch sei, plauderte darüber, dass »Adolf Hitler in einem bestimmten Zimmer dieses Hotels hin und wieder übernachtet habe.« Richtig, im September 1938 hatte er hier mit Daladier und Chamberlain die Tschechoslowakei verfrühstückt. Augstein wiederum zog seinen Morgenmantel aus, steckte sich eine Hasch an und legte sich aufs Bett: » Er sei so entsetzlich einsam, murmelte er wieder und etwas wie, wir sollten jetzt endlich mal fieken.« Sie: »Eine Sekunde lang überlegte ich, warum er wohl fieken statt ficken sagte, und erklärte ihm unmissverständlich, ich hätte einen festen Freund.« Da schlief Rudolf ein, haschumwölkt.

»Sie zeichnet das intime Porträt eines mutigen Journalisten«, preist der Aufbau-Verlag, tatsächlich aber gibt es – gefühlt – nur auf jeder dritten Seite dieser Erinnerungen an Rudolf Augstein eine oder zwei, allenfalls drei Flaschen Bier. Nur als er allein in einer einzigen Nacht die Titelgeschichte zu Kennedys Ermordung schrieb, musste es, laut Nelles, ein ganzer Kasten sein.

Feigenblatt

Irma wurde Leserbriefredakteurin in Hamburg, wohnte in Augsteins Villa, aber sie gab sich, soweit sie weiß, nie ihm hin. Auch nicht, als ihr der Herausgeber als Termin für das – wie er artikulierte – »Geschlächtliche« lediglich »zweimal in der Woche, wie Luther schon sagte«, anbot. Das könne man notfalls notariell bekunden. Doch sie holte lieber die von der spanischen Haushälterin vorbereitete Suppe aus dem Kühlschrank und kochte diese auf. So wurde sie schließlich Leiterin des Büros des Herausgebers, unentbehrlich für den Kontakt zwischen Redaktion und Augstein. Und ich kann nur hoffen, nicht schuld daran zu sein.

Denn ich war auch so eine Irma. Nicht für Augsteins Hausstand. Aber für seinen Druckstand. Mir rückte er nicht auf die Bude, er ließ mich von Frankfurt nach Hamburg einfliegen. Damals war ich Jungredakteur bei Pardon und hatte gerade was Böses über Springer und seinen Kampf gegen die rebellischen Studenten geschrieben. Bei Pardon bekam ich ein Monatsgehalt von 1.200 Mark. Jetzt sollte ich für 1.000 Mark pro Woche eine Namenskolumne wie Augstein im Blatt der (damals) anonymen Spiegel-Schreiber liefern. Das war, wovon ich seit meiner Studentenzeit geträumt hatte. Es sollte, das gab es damals noch nicht, eine medienkritische Kolumne sein. Aber, warnte ich, da müsste ich mich oft mit Springer beschäftigen. Gern, war die Antwort.

So wurde ich Augsteins Feigenblatt. Denn die alte Druckerei im Pressehaus taugte nicht für die glanzvollen Farbanzeigen der Großindustrie. Nur Springer konnte mit einer neuen, hochsubventionierten Druckerei im »Zonengrenzgebiet« schnell die gewünschte Qualität liefern. Meine Kolumne sollte bei den studentischen Lesern, auf die der Spiegel setzte, vergessen machen, wer da druckt. Das lief fünf Jahre lang gut. Bis der Spiegel 1971 erstmals einen Anzeigenrückgang von gleich 15 Prozent erlitt. Springer und Strauß hatten die Wirtschaft zum Boykott des Spiegel aufgerufen, gerade auch wegen meiner oft nicht sehr wirtschaftsfreundlichen Kolumne. Ich flog, erträglich abgefunden. Augstein und ich, wir waren zwar nie miteinander warmgeworden, aber ich trug ihm nichts nach, er musste im Interesse des Spiegel so handeln.

Erst zwei Jahrzehnte später, 1992, machte Augstein eine unvorsichtige Bemerkung – der Spiegel sei schon immer ein Organ der Aufklärung gewesen. Ich prüfte die ersten zehn Jahrgänge und entdeckte, dass der Spiegel damals ein antisemitischer Nazisauhaufen war: der alte Gestapochef persönlich und die Ex-SD-Agenten der SS schrieben die Aufklärungsserien über die Nazizeit. Mit dem Zeit-Feuilleton hatte ich darüber einen umfangreichen Artikel vereinbart, doch Chefredakteur Theo Sommer verhinderte den Druck. Der Artikel erschien in Konkret, dort natürlich mit geringer Öffentlichkeitswirkung.

Immerhin, die damals noch existierende Ostberliner Weltbühne rief im »Büro des Herausgebers« an. Dies war zu jener Zeit der Germanist Wolfgang Eisermann, den Augstein zu seinem Sprecher gemacht hatte, ehemals der Privatsekretär von Hans Werner Henze. Eisermann sagte der Weltbühne, dass jeder Mensch, der 1945 in einem gewissen Alter war, eine »Vergangenheit« hatte, andere gab es nicht. Aber, so fügte er hinzu: Es liefen Diskussionen im Haus, ob der Spiegel nicht selber »diese Geschichte« aufgreifen solle, doch bisher gebe es da noch kein Ergebnis. Er sei dafür, sagte Eisermann. Das war im Juni 1992, und da muss es wohl erbitterte Diskussionen gegeben haben.

Hass auf Fischer

Schon im Februar 1993 war der 53jährige tot, Herzinfarkt. Irma Nelles wurde seine Nachfolgerin. Ein Jahrzehnt später rief ich sie – das Büro des Herausgebers – an, das Manuskript meines Buches »Rudolf Augstein. Ein Leben für Deutschland« war zu Ende geschrieben, ich wollte ihm noch einige Fragen stellen. Sie wimmelte mich ab. Sie hat – das beweisen die 320 Seiten ihrer Memoiren – nie etwas von einer Vergangenheit des Spiegel, von Augsteins Leben für jenes Deutschland wissen wollen.

Aber eines stimmt versöhnlich: Augstein hasste Joseph Fischer, seit dieser Deutschland 1999 zusammen mit Gerhard Schröder wieder in den Krieg führte, gegen Jugoslawien. Nelles wörtlich: »Warum traust Du ihm nicht? fragte ich erstaunt. – Er hat eine Charaktermaske, antwortete Rudolf wortkarg und in merkwürdigen Flüsterton. – Wie meinst du das?, fragte ich überrascht. – Er wird Euch seine Großmachtphantasien schon noch vorführen, erwiderte Rudolf grimmig. Er glaube nicht an Joschka Fischers friedensstiftende Absichten.«

Unsere Leute haben auf dem Balkan wirklich rein gar nichts zu suchen, sagte er ihr. Und als Irma damit anfing, man müsse doch »einen verbohrten Diktator wie Milosevic« mit Gewalt entmachten, da fuhr Rudolf sie verärgert an: »Dann renn du doch hin und erschieß ihn!« Sie verzichtete.

Happy-End für Augstein und Nelles. Aber nicht für das deutsche Nachrichtenmagazin, das damals vor Begeisterung aufjaulte, als deutsche Soldaten der neuen Berliner Republik die ersten Serben erschossen.

Irma Nelles: Der Herausgeber. Erinnerungen an Rudolf Augstein. Aufbau-Verlag, Berlin 2016, 320 Seiten, 22,95 Euro

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