Aus: Ausgabe vom 17.03.2016, Seite 2 / Inland

»Verteidigt die Wickelei«

Siemens-Beschäftigte in Berlin protestieren gegen Entlassung ihrer Kollegen

Von Simon Zeise
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Sie kämpfen für ihre Arbeitsplätze: IG Metaller in der Berliner Siemensstadt (16.3.2016)

Im vergangenen Jahr hat sich Josef Käser, der Öffentlichkeit unter seinem Künstlernamen Joe Kaeser bekannt, 6,4 Millionen Euro für seine Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender bei Siemens gegönnt.

Eine Quittung für die Beschäftigten hat er sich bis Mitte März dieses Jahres aufbewahrt: 2.500 Mitarbeiter sollen sich einen neuen Job suchen. Die meisten von ihnen werden in Bayern vor die Tür gesetzt. Im größten Werk in Berlin müssen nur 28 Mitarbeiter um ihren Lohn fürchten. Doch auch das sind zu viele, findet die IG Metall.

Am Mittwoch demonstrierten deshalb mehrere hundert Gewerkschafter am Beginn der Frühschicht vor dem Siemens-Tor der Dynamowerke. Klaus Abel, der erste Bevollmächtigte der IG Metall Berlin, sagte, die Streikenden machten Mut für weitere Verhandlungen mit der Konzernführung. »Wir tun etwas für alle Beschäftigten in der Stadt«, fügte Abel hinzu. In der Siemensstadt arbeiten 12.000 Mitarbeiter. Es sei nicht alltäglich, dass vor dem Werkstor für den Erhalt von »nur« 28 Stellen gestreikt werde. Dies sei ein Signal. Auf Plakaten war zu lesen: »Dynamowerk. Wir kämpfen für unsere Arbeitsplätze« und »Renditewahn ist zerstörerisch«.

Siemens soll seziert werden. Käser hat verlauten lassen, dass die niedrigen Ölpreise sowie die Kriege im Mittleren Osten und der Ukraine das Geschäft vermiesen. Gespart werden soll beim Gehalt. Obwohl das Werk im Jahr 2013 mit 230 Maschinen jährlich doppelt so viel produzierte wie zur Jahrtausendwende, sollen Fabriken und Arbeitsprozesse zentralisiert und in Niedriglohnländer ausgegliedert werden. Der Betriebsratsvorsitzende des Dynamowerks, Olaf Bolduan, sagte gegenüber jW: »Wahrscheinlich wollen sie unsere Arbeit nach Tschechien verlagern.« Die Konzernführung habe es auf das vergleichsweise hohe Lohnniveau in Berlin abgesehen. Dabei habe sie die kurzfristige Rentabilität im Blick. Langfristig sei es jedoch »ökonomischer Wahnsinn«, würde doch die Produktion bis zur Endmontage, die »Wertschöpfungskette«, aufgespalten. Über Jahre ausgebildete Ingenieure und Fachwissen gingen verloren. Der Betriebsratsvorsitzende des Siemens-Gasturbinenwerks, Günter Augustat, rief den Demonstranten zu: »Verteidigt die Wertschöpfungskette, verteidigt die Wickelei« – so heißt der Handarbeitsprozess bei den Dynamowerkern.

Wie die nahe Zukunft aussehen kann, veranschaulichte Matthias Piepenschneider, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Redknee. Einst arbeitete er für die Siemens AG, bevor Nokia in deren Elektroniksparte einstieg. Zunächst entstand ein Gemeinschaftsunternehmen (Nokia Siemens Networks). Im März 2013 langte dann das kanadische Unternehmen Redknee zu. Jetzt soll der Berliner Standort in der Siemensstadt mit 260 Mitarbeitern geschlossen werden. An ihrer statt sollen in Brandenburg tariflose Tochtergesellschaften entstehen. »Deshalb streiken wir mit euch«, sagte Piepenschneider, denn »wir sind Arbeiter, wir sind Kämpfer«.

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