Aus: Ausgabe vom 14.03.2016, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Ohne Arbeitslose

Zu jW vom 2. März: »Die Chemie stimmt«

Als in Leuna 1916 die ersten Anlagen für die Herstellung von Chemikalien in Betrieb gegangen sind, wurden schon seit 1895/1896 in Bitterfeld-Wolfen die ersten begehrten Chemieerzeugnisse hergestellt. Im Bereich des Ministeriums für chemische Industrie und damit für den Bezirk Halle gehörten die Chemiekombinate Bitterfeld, Orwo Wolfen, Buna, Leuna sowie die Chemie in Lützkendorf und Zeitz zu den umsatzstärksten Gewinnbringern für die Volkswirtschaft der DDR. Das alles ohne Arbeitslose, weil das »Kerngeschäft« nicht in der Gewinnmaximierung – wie heute – bestand, sondern darin, alles für das Wohl der Menschen zu tun.

Was die Geschichte der Chemie im Bitterfelder Wirtschaftsraum bis zu ihrem Niedergang im Interesse der Großkonzerne angeht, kann man in dem Buch »Von Alaun bis Zitronensäure« aus dem united p.c. Verlag alles nachlesen.

Adolf Eser, per E-Mail

Gegenseitiges Hofieren

Zu jW vom 7. März: »Gastgeber des Tages: ­Reiner Hoffmann«

Der Verfasser dieses Artikels schreibt in seinem Schlusssatz: »Dass Hoffmann dennoch einen Vertreter dieser Institution zum Festredner der Mitbestimmung adelt, zeigt ein Maß an Ignoranz, das eigentlich nicht zu erklären ist.« Ich kann mir das schon erklären, warum Herr Hoffmann den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Kardinal Marx, als Festredner eingeladen hat. Beide praktizieren die Sozialpartnerschaftsideologie. Beide zählen sich zur Elite der Nation. Das ist nicht Ignoranz, sondern konsequent. Als Sozialpartner und Elitenangehörige hofiert man sich gegenseitig. Das ist nicht schwer zu begreifen. Wen hätte Herr Hoffmann dann einladen sollen? Einen Leiharbeiter oder eine Werkverträglerin? Die hätten womöglich keine harmonische Ideologie verbreitet, sondern über die Realität des Arbeitslebens berichtet.

Dieter Wegner, Hamburg

Mangelnde Sorgfalt

Zu jW vom 25. Februar: »Vom ­Verschwindenlassen«

Dass Heinz Jürgen Schneider das Buch mit Erfahrungen aus seiner langjährigen, sehr engagierten und hartnäckigen Berufspraxis als Anwalt angereichert hat, merkt man bereits nach den ersten Seiten. Auch ist klar, und das ist gut so, auf wessen Seite der Autor steht. Insofern kann man das Buch wirklich weiterempfehlen. Allerdings sollte vor einem eventuellen Nachdruck das Manuskript doch einmal sauber lektoriert werden. Die mangelnde Sorgfalt fällt einem leider hier ebenso schnell auf wie die richtige Beschreibung der bundesdeutschen Repressionsverhältnisse.

Jean Hausmann, Bonn

Kein Western

Zu jW vom 3. März: »Über das Hängen«

(…) Kann es vielleicht sein, dass W. Droste irgendwelchen Stereotypen nachhängt, wenn er unter dem Filmtitel »Hangmen Also Die« einen Western vermutet? (…) Der Film »Hangmen Also Die« ist ein Antinazifilm, den Fritz Lang mit Hilfe von Bertolt Brecht (Koautor Drehbuch) und Hanns Eisler (Musik) 1943 in den USA drehte. Außer den Genannten waren auch emigrierte deutsche Schauspieler an diesem Film beteiligt, der die Liquidierung des Nazistatthalters Hey­drich 1942 in Prag und die dem Attentat folgenden Massenmorde, u. a. auch an der Bevölkerung der Dörfer Lidice und Lezaky, als Grundlage hat. (…)

Jörg Trinogga, per E-Mail

Zuwenig Lenin gelesen

Zu jW vom 29. Februar: »Für die EU, ohne die DKP«

(…) Die EU ist nur über die Nationalstaaten zu demokratisieren, d. h. wenn in allen europäischen Ländern echte Volksdemokratien etabliert werden. Erst dann können die Beziehungen untereinander demokratisch, weil friedlich, friedlich, weil demokratisch gestaltet werden. Alles andere ist Humbug. Die Euro-Linken haben zuviel Kautsky und zuwenig Lenin gelesen.

Max Stirner, per E-Mail

An Verbrechen beteiligt

Zu jW vom 1. März: »Spurensuche in Sachen NVA«

Die in der Schlussphase der Volksarmee im Jahr 1990 erfolgte Benennung zweier Gebäude nach Stauffenberg und Tresckow hatte meines Erachtens nur noch wenig mit der alten DDR zu tun. Auch die Männer des 20. Juli 1944 haben sich an ganz typischen Verbrechen beteiligt. Henning von Tresckow, der in Gelöbnis- und sonstigen Feieransprachen meistzitierte widerständische Offizier, hat als Beauftragter für die Partisanenbekämpfung und als Chef des Stabes der 2. Armee ab November 1943 schwere Verbrechen angeordnet. Tresckow war am 10. Januar 1919 an der Niederschlagung des Spartakusaufstandes aktiv beteiligt. Das Projekt der toten Zonen wurde gerechtfertigt, die Entvölkerung ganzer Regionen, um die Partisanen von der Versorgung abzuschneiden.

Auf seiten der Roten Armee kämpfte der spätere Verteidigungsminister der DDR, Heinz Keßler, von den Nazifaschisten zum Tode verurteilt, Mitgründer des Nationalkomitees Freies Deutschland. Heinz Keßler rief die Soldaten auf, den Faschisten den Gehorsam zu verweigern und den Krieg zu beenden. Wegen seiner Desertion zur Roten Armee wurde seine Mutter von 1941 bis 1945 im KZ Ravensbrück inhaftiert. Keßler wurde von 1993 bis 1998 inhaftiert! (…)

Gerd-Rolf Rosenberger, Bremen

Bei den Chemiekombinaten in der DDR bestand das ›Kerngeschäft‹ nicht wie heute in der Gewinnmaximierung, sondern darin, alles für das Wohl der Menschen zu tun.