Aus: Ausgabe vom 14.03.2016, Seite 10 / Feuilleton

Wo ist das andere Leben?

Gute Griffe: Das Familienunternehmen Thalbach führt »Die Glasmenagerie« in Berlin auf

Von Anja Röhl
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Weder maniriert, unecht oder eitel: Anna Thalbach

Katharina Thalbachs Inszenierung von »Die Glasmenagerie«, dem Klassiker von Tennessee Williams, ist ein großer Wurf: Das traurige Stück über eine alleinstehende Mutter im St. Louis der 30er Jahre, die im Kampf um die Zukunft ihrer Kinder an den aussichtslosen Verhältnissen scheitert, wirkt überhaupt nicht antiquiert. Noch immer sind die Familien alleinerziehender Mütter oft auch die ärmsten.

Bei Williams stammt die Mutter Amanda aus dem reichen »Landadel« des Südens. Ihr Sohn Tom ist auf jeden Fall Arbeiterklasse und unzufrieden. Ihre Tochter Laura träumt in ihrer Glasmenagerie vor sich hin. Katharina Thalbach hat einen Sinn fürs Komische, und doch wirken bei ihr die Frauenfiguren Amanda und Laura nie karikiert. Auch das Gegenteil wird vermieden: Sie gleiten nicht ins Tragisch-Depressive ab, sondern bleiben stets dazwischen, sie bewegen sich auf einem schmalen Grat.

Das hier ist ein Familienunternehmen in der Komödie am Kurfürstendamm. Thalbach hat die Amanda mit Anna Thalbach, ihrer Tochter, und die Laura mit Nellie Thalbach, ihrer Enkelin, besetzt. Das erscheint zunächst als strategische Entscheidung, und doch wirkt hier nichts manieriert, unecht oder eitel. Die Wutausbrüche und Streitigkeiten, die sich mit melancholisch-liebevollen Szenen abwechseln, lassen die Charaktere sehr stark erscheinen, auch die unterwürfige Laura.

Highlight des Abends ist Leonard Scheicher in der Rolle des Sohnes Tom, der die Familie mit Fabrikarbeit durchzubringen versucht, seine Schwester zärtlich liebt, mit seiner übergriffigen Mutter kämpft und sich so sehr ein »ganz anderes Leben« wünscht als »Tag und Nacht die Lagerhalle«. Er ist das Alter ego von Tennessee Williams, der Erzähler des Stückes, der zwischen den Szenen in anderen Kleidern am Rand der Bühne lehnt, wie ein Halbstarker an einer Straßenecke, die Fluppe im Mund.

Gegenwart und eine Vergangenheit sind die zwei Ebenen des Stücks, das mit dem guten alten V-Effekt, einer Voraussetzung für Erkenntnisgewinn, operiert. Wie nebenbei wird Politisches und Zeitgeschehen reflektiert. Ab und an spricht Scheicher mit dem Schlagzeuger wie ein Regisseur, macht ihm durch Handbewegung klar, wann er mit der Musik beginnen und was er spielen soll. Dann springt er plötzlich als Tom in das Stück und ist eine ganz andere Person, er verjüngt sich, er wütet und kämpft, ist viel weniger abgeklärt.

Emanuel Hauptmann spielt die Musik bescheiden und gekonnt von einer Seitenbox aus, verkleidet als Jazzer der 30er. Jede Gefühlsregung wird musikalisch kommentiert. Klar, bei den Streits gibt es einen Donnerwirbel.

Leonard Scheicher ist Schauspielstudent an der Ernst-Busch-Schule, aber fraglos eine Entdeckung. Sein Tom ist unschuldig-kindlich, gleichzeitig sich pubertär auflehnend, aber auch zart und vorsichtig. Seine Gesichtervielfalt, sein Bewegungsrepertoire ist imponierend.

Mit ihm hat Katharina Thalbach ebenso einen guten Griff getan wie mit dem Bühnenbildner Ezio Toffolutti, der die Zimmer der Wohnung durch Vorhänge trennt, so dass man nie allein sein kann, obwohl dauernde Abgetrenntheit herrscht. Am Tag des großen Ereignisses, von dem sich die Mutter so viel erhofft, da ein Freund des Sohnes zu Besuch kommt, den sie sich als Heiratskandidaten der Tochter phantasiert, werden von der Mutter diese Vorhänge in besonderer Weise an der Decke drapiert, dass die Szene plötzlich zu einem riesigen schönen und ausladenden Empfangs- und Wohnzimmer aus besseren Zeiten wird.

Tennessee Williams lässt diese Idylle drastisch platzen, und das ist dann auch der Moment, in dem die Schwester völlig in geistiger Umnachtung versinkt. Dies aber lässt Thalbach nicht mehr sichtbar werden, das spürt das Publikum nur noch im Nachklang.

Bis 17.4. täglich, außer montags, um 20 Uhr, Komödie am Kurfürstendamm

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