Aus: Ausgabe vom 12.03.2016, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Nach internationalen Normen

Hilfsorganisation errichtet Flüchtlingslager nahe Dunkerque

Von Hansgeorg Hermann
RTS9N9R Kopie.jpg
Protest gegen Räumung: Ein Mann demonstriert gegen den Abriss eines Flüchtlingscamps in Calais (7.3.2016)

Die französische Gemeinde Grande-Synthe an der Kanalküste darf in diesen Tagen, wie ihr Grünen-Bürgermeister Damien Carême es nannte, einen »großen Erfolg« feiern. Er hat der Organisation »Médecins sans frontières« (MSF, Ärzte ohne Grenzen) ein Gelände für ein Flüchtlingslager »nach internationalen Normen« gegeben. Man hat die Kinder, Frauen und Männer sozusagen aus dem Schlamm der bisherigen »Dschungelcamps« bei Calais und Dunkerque gegraben. 220 Holzhütten von acht bis zehn Quadratmetern Innenraum, die aussehen wie besonders gastliche Toilettenhäuschen, werden in Zukunft an die 1.300 Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten in Irak und Syrien beherbergen.

»Und die Kosten?« fragte die Wirtschaftszeitung Les Echos sofort und korrekterweise. Miese Antwort: Die MSF-Leute haben in die eigene Kasse gegriffen und mit 2,6 Millionen Euro den größten Teil der notwendigen 3,1 Millionen Euro selbst gegeben, das Städtchen Grande-Synthe mit seinen 20.000 Einwohnern immerhin eine halbe Million. Und die Nation, mit dem allzeit freundlich lächelnden Gourmet François Hollande? Der sei dem Projekt freilich »feindlich« gesinnt gewesen, sagt MSF-Vertreter André Jincq – leider nichts aus Paris, »ein Versagen des Staates«. Der Rest, sanitäre Anlagen, Wasserversorgung, muss aus Spenden berappt werden.

1.050 Menschen sind inzwischen umgezogen, in der Mehrzahl irakische Kurden, wie die Präfektur meldet; 60 Frauen, 74 Kinder unter ihnen, die bisher im Dreck des »Dschungels« hausten. Sie haben zunächst ein Dach über dem Kopf. Anderswo, etwa an der griechisch-mazedonischen Grenze sieht es schlimmer aus. Dort sind bis zu 14.000 Menschen. Sie leben im Freien, die Meteorologen erwarten einen Kälteeinbruch für den Balkan. Im Lager vor dem winzigen griechischen Dorf Idomeni werden die Familien mit ihren Kindern ausschließlich von freiwilligen Helfern versorgt, Toiletten oder Duschen gibt es nicht. Mittlerweile hat die griechische Regierung Busse bereitgestellt, um die Menschen in überfüllte »Auffanglager« zu bringen.

Begleitet wird die menschliche Katastrophe dort, im neuen Flüchtlingsaufbewahrungsland, von segnenden Worten aus Brüssel. Der polnische Präsident der Europäischen Kommission, Donald Tusk, dankte den Regierungen in Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich dafür, dass sie die »Balkanroute« geschlossen haben. Damit Sicherheit und Wohlstand der satten Völker zwischen Nordkap und Sizilien vorerst gewährleistet bleiben. Auch in Zukunft werden keine Hungergesichter den Straßen- oder sonstigen Verkehr bei uns stören.

    RTS9NET Kopie.jpg
    Flüchtlinge bringen eine selbstgebaute Hütte aus dem »Dschungel« von Calais
    RTS9NBN Kopie.jpg
    Hab und Gut: Ein Flüchtling rettet seine Sachen
    Expulsion_of_part_of_48548694.jpg
    Ein Mädchen steht an der Schwelle einer Holzhütte
    Expulsion_of_part_of_48548722.jpg
    Am 7. März wurde das Lager eröffnet
    RTS9NSH Kopie.jpg
    Die Verschläge haben bis zu zehn Quadratmeter
    RTS9NS1 Kopie.jpg
    Das neue Flüchtlingslager ist rund 40 Kilometer von Calais entfernt
    RTS9U1X Kopie.jpg
    Viele Flüchtlinge versuchen, über den Ärmelkanal nach Großbritannien zu gelangen
    Expulsion_of_part_of_48548825.jpg
    Fast 1.300 Flüchtlinge können in Grand-Synthe untergebracht werden
Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Den Banken verpflichtet (14.03.2016) Vorabdruck. Die »Rettung« Griechenlands in der Euro-Krise sollte nicht die Bevölkerung vor der ­weiteren Verelendung bewahren, sondern die ­großen Geldhäuser aus Frankreich und Deutschland vor erheblichen Verlusten schützen
  • Raus aus dem Käfig (20.02.2016) Kurzfristig kann das neoliberale Kartell in der EU nur durch Beteiligung einer linken Partei an einer Regierung aufgebrochen werden
  • Der EU-Retter (16.02.2016) Der ehemalige griechische Finanzminister Gianis Varoufakis und die Bewegung »Democracy in Europe Movement 2025« will die Europäische Union mit dürftigen Forderungen in eine Demokratie verwandeln
Mehr aus: Wochenendbeilage