Aus: Ausgabe vom 12.03.2016, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Vom Kapital verspeist

Rosa Luxemburg untersuchte 1913 die damaligen Finanzströme zwischen Westeuropa, vor allem Deutschland, und der Türkei

Von Rosa Luxemburg
German_Chancellor_An_48217777.jpg
Einigung aufs Geschäft 2016: Bundeskanzlerin Angela Merkel und der türkische Ministerpräsident Ahmet Dautoglu am 8. Februar in Ankara

Wie in China, wie jüngst wieder in Marokko hatte es sich schon in Ägypten gezeigt, dass hinter internationaler Anleihe, Eisenbahnbau, Wasseranlagen und dergleichen Kulturwerken der Militarismus als Vollstrecker der Kapitalakkumulation lauert. Während die orientalischen Staaten mit fieberhafter Hast ihre Entwicklung von der Naturalwirtschaft zur Warenwirtschaft und von dieser zur kapitalistischen durchmachen, werden sie vom internationalen Kapital verspeist, denn ohne sich diesem zu verschreiben, können sie die Umwälzung nicht vollziehen.

Ein anderes gutes Beispiel aus der jüngsten Zeit bilden die Geschäfte des deutschen Kapitals in der asiatischen Türkei. Schon früh hatte sich das europäische, namentlich das englische Kapital dieses Gebietes, das auf der uralten Route des Welthandels zwischen Europa und Asien liegt, zu bemächtigen gesucht. (...)

1888 tritt das deutsche Kapital auf den Plan. Durch Unterhandlung namentlich mit der französischen durch die Banque Ottomane vertretenen Kapitalgruppe kam eine internationale Interessenfusion zustande, wobei an dem großen Anatolischen und Bagdadbahnunternehmen die deutsche Finanzgruppe sich mit 60 Prozent, das internationale Kapital mit 40 Prozent beteiligen sollte. Die Anatolische Eisenbahngesellschaft, hinter der hauptsächlich die Deutsche Bank steht, wurde als türkische Gesellschaft am 14. Redscheb des Jahres 1306, d. h. am 4. März 1889, zur Übernahme der seit Anfang der 70er Jahre im Betrieb befindlichen Linie von Haidarpascha bis Ismid und zur Ausführung der Konzession der Bahnstrecke Ismid–Eski Schehr–Angora (845 Kilometer) gegründet. (…) Die türkische Regierung leistete der Gesellschaft die folgende Staatsgarantie: Bruttoeinnahme 10.300 Franc pro Jahr und Kilometer für die Strecke Haidarpascha-Ismid und 15.000 Franc für die Strecke Ismid–Angora. (…) 1901 erlangte die Gesellschaft die Konzession für die Bagdadbahn Konya–Bagdad–Basra–Persischer Golf (2.400 Kilometer), die sich mit der Strecke Konya–Eregli–Bulgurlu an die anatolische Strecke anschließt. (...) 1908 erhielt die Gesellschaft eine Konzession für die Verlängerung der Konyabahn bis Bagdad und zum Persischen Golf, wieder mit Kilometergarantie.

Hier tritt die Grundlage der Akkumulation ganz klar zutage. Das deutsche Kapital baut in der asiatischen Türkei Eisenbahnen, Häfen, Bewässerungsanlagen. Es presst bei all diesen Unternehmungen aus den Asiaten, die es als Arbeitskraft verwendet, neuen Mehrwert aus. Dieser Mehrwert muss aber mitsamt den in der Produktion verwendeten Produktionsmitteln aus Deutschland (Eisenbahnmaterial, Maschinen usw.) realisiert werden. Wer hilft sie realisieren? Zum Teil der durch die Eisenbahnen, Hafenanlagen usw. hervorgerufene Warenverkehr, der inmitten der naturalwirtschaftlichen Verhältnisse Kleinasiens großgezogen wird. (…) Das Geschäft, das äußerlich als eine abgeschmackte Tautologie, als Bezahlen deutscher Waren mit deutschem Kapital in Asien, erscheint, bei dem die braven Deutschen den schlauen Türken nur den »Genuss« der großen Kulturwerke überlassen, ist, im Grunde genommen, ein Austausch zwischen dem deutschen Kapital und der asiatischen Bauernwirtschaft, ein mit Zwangsmitteln des Staates durchgeführter Austausch. Die Resultate des Geschäfts sind: auf der einen Seite die fortschreitende Kapitalakkumulation und eine wachsende »Interessensphäre« als Vorwand für die weitere politische und wirtschaftliche Expansion des deutschen Kapitals in der Türkei; auf der anderen Seite Eisenbahnen und Warenverkehr auf der Grundlage der rapiden Zersetzung, des Ruins und der Aussaugung der asiatischen Bauernwirtschaft durch den Staat sowie der wachsenden finanziellen und politischen Abhängigkeit des türkischen Staates vom europäischen Kapital. (...)

Je gewalttätiger das Kapital vermittelst des Militarismus draußen in der Welt wie bei sich daheim mit der Existenz nichtkapitalistischer Schichten aufräumt und die Existenzbedingungen aller arbeitenden Schichten herabdrückt, um so mehr verwandelt sich die Tagesgeschichte der Kapitalakkumulation auf der Weltbühne in eine fortlaufende Kette politischer und sozialer Katastrophen und Konvulsionen, die zusammen mit den periodischen wirtschaftlichen Katastrophen in Gestalt der Krisen die Fortsetzung der Akkumulation zur Unmöglichkeit, die Rebellion der internationalen Arbeiterklasse gegen die Kapitalsherrschaft zur Notwendigkeit machen werden, selbst ehe sie noch ökonomisch auf ihre natürliche selbstgeschaffene Schranke gestoßen ist.

Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus. Berlin 1913. Hier zitiert nach: Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke Band 5. Ökonomische Schriften. Dietz Verlag, Berlin 1990, Seiten 385–411

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Wochenendbeilage