Aus: Ausgabe vom 12.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Politik wurde Musik

Die erste Punkband, der erste Flammkuchen von Berlin: Volker Hauptvogel hat seine Erinnerungen veröffentlicht

Von Wolfgang Müller
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Verweigerer im politischen Taumel Berlins: Volker Hauptvogel (vorne links) bei MDK, 1981

Wie hieß die allererste Punkband von Westberlin? Darüber streiten sich die Experten noch immer. Um 1977 gründeten sich in Westberlin die ersten Punkbands. Zum einen waren das Gruppen, die einen anarchisch-subversiven und staatskritischen Anspruch hatten: Katapult, Ätztussis, Auswurf und das Mekanik Destrüktiw Komandöh (MDK). Zum anderen gab es Gruppen, die sich von Punk vor allem musikalisch-ästhetisch anregen ließen, politisch jedoch konform waren, wie Tempo oder PVC. Sie entstammten der klassischen Rockmusik und prägten den Begriff »Wall City Rock«. Damit betonten sie ihre Differenz zu den politisierten Drei-Akkorde-Punkbands und wurden auch im staatlichen Radio gespielt.

Für mich war das Musikkollektiv MDK die erste Westberliner Punkband. Einerseits bezogen sie in der damaligen politisch aufgeladenen Atmosphäre klar Position für Hausbesetzer und Anarchisten, andererseits misstrauten sie manchen linken Parolen als hohlen Phrasen, die sie dann kunstvoll in ihrer Show verarbeiteten. »Für uns waren Ironie und Humor ein ganz wichtiger Teil des politischen Engagements«, sagt Volker Hauptvogel, er hat die Band mit Edgar Domin gegründet und gerade beim Martin Schmitz Verlag das Buch »fleischers blues« veröffentlicht. Es ist sein Rückblick auf die Endsiebziger. Ich treffe ihn im Kreuzberger Bistro Chez Michel. Gemeinsam verspeisen wir Moules frites, Muscheln mit Pommes.

Wallstreet-Rock

»Etiketten wie ›Wall City Rock‹ fanden wir blöd«, sagt er rückblickend, »da Menschen ja eh immer von irgendwelchen Mauern und Grenzen umschlossen werden, in irgendeiner Form«. Klar, man könne und sollte diese Mauern überwinden, ignorieren oder bekämpfen, aber das sei immer nur vorübergehend, wie man es jetzt wieder erleben kann, da in Europa neue Grenzzäune gebaut werden. »Begriffe wie ›Wall City Rock‹ haben wir gar nicht ernst genommen«, meint er und lacht: »Außerdem war das im Grunde eher Wallstreet-Rock, was die da fabrizierten …«. Er denke dabei an solche Songs wie »Berlin bei Nacht« von Bel Ami: »Ein wirklich grauenhafter Song und überdies eine Coverversion eines Lieds von PVC«.

Manche der Bands seien eh’ nur an Verträgen mit den großen Plattenfirmen interessiert gewesen, für MDK sei es dagegen eine strategische Entscheidung gewesen, auf kleinen, unabhängigen Labels zu veröffentlichen, um sich größtmögliche Freiheit zu bewahren. Doch »leider waren manche der politischen Punkbands viel zu ängstlich«, sie misstrauten Staat und Kapital »und stagnierten dann irgendwann«. MDK organisierten dagegen 1983 selbst eine Tour durch die USA und ließen sich die Flugtickets vom Kultursenator bezahlen: Volker Hassemer von der CDU. Bel Ami fanden das damals nicht gut, ihr Sänger Burghard Rausch »sprach vom Missbrauch von Steuergeldern und so«, meint Hauptvogel, der das aber erst später mitbekam.

Doch die USA-Tour brachte nicht so viel, ihr Album erschien zu spät, ebenso ihr Buch »Die Verweigerer im politischen Taumel Berlins«, außerdem »hatte sich das Projekt musikalisch totgelaufen«, erinnert sich der MDK-Sänger. Er ging dann Mitte der 1980er in die Gastronomie und gründete in Schöneberg den »Pinguinclub« als einen Künstler- und Musikertreff. Dort hatten die Ärzte ihren Stammtisch, ebenso Depeche Mode. Unter dem Motto »Künstler kellnern für Knackies« traten Prominente wie der Schauspieler Dieter Hallervorden und der Musikmanager Conny Konzack in Erscheinung.

Produktlebenszeit

1989 eröffnete Hauptvogel den Storch, ein Restaurant mir elsässischer Küche, »da kochten Sterneköche, die vor der stressigen Atmosphäre in den Sternerestaurants zu mir geflüchtet waren«. Im Prinzip wurde dort die Pizza neu erfunden, es gab den ersten Flammkuchen der Stadt. So etwas nenne man »Produktlebenszeit«, führt Hauptvogel aus, egal ob Currywurst, Döner oder Flammkuchen – mit dem Erfolg kommen die Nachahmer. Hauptvogel betrieb den Storch bis 2007, danach war für ihn Schluss mit der Gastronomie. Er wurde Schauspieler an der Schaubühne, in der Inszenierung von Volker Lösch von »Berlin Alexanderplatz« spielte er die Hauptrolle des Franz Biberkopf.

MDK sah ich erstmals live 1981, im SO 36. Für mich war das so etwas wie die zeitgenössische Antwort auf die Politrockband Ton Steine Scherben, die damals noch existierten, sich aber schon lange von Westberlin in die nordfriesische Provinz zurückgezogen hatten. 1984 begann ihr Leadsänger Rio Reiser eine Solokarriere. 1986 träumte er davon, dass er »König von Deutschland wär.« Bei der Bundeswehr würde es dann keine Militär-, sondern nur noch Hitparaden, versprach Reiser. Doch Pustekuchen! Es waren ausgerechnet die Grünen unter der ehemaligen Scherben-Managerin Claudia Roth, die erstmals bundesweit an die Regierung gelangt, den NATO-Krieg gegen Jugoslawien unterstützten. »An die Utopien dieser Moralprediger habe ich zum Glück eh nie geglaubt«, sagt Hauptvogel und löffelt dabei trotzig eine Miesmuschel aus. »Mein Ideal war und ist die anarchistisch-syndikalistische Gesellschaft«. Auf dem Cover seines Buchs ist vor einem roten Stern ein Glas Bier abgebildet.

Kombinieren wie Belmondo

Beim Schreiben von »Fleischers Blues« habe er an einen Film gedacht: »Le Magnifique« mit Jean-Paul Belmondo und Jacqueline Bisset von 1973. Darin vermischen sich Realität und Phantasie, wenn sich Belmondo als Schriftsteller am Schreibtisch Abenteuer für eine Fortsetzungsserie ausdenkt, in die er reale Personen einbaut, die dann sensationelle Dinge erleben. Hauptvogel meint, dass er für sein Buch seine Erinnerungen an tatsächliche Ereignisse neu kombiniert habe. Und auch MDK hat er kürzlich wiederbelebt: »Ja, das sind alles Exdrogenabhängige und Exalkoholiker«, meint er freundlich. Die Band sei heute wesentlich professioneller als damals, doch ihr alter Slogan »Politik wird Musik« gelte weiterhin.

Auf einer jüngst erschienenen Kompilation namens »Aus grauer Städte Mauern – Die Neue Deutsche Welle 1977–85« findet sich auch »Rohe Gewalt«, ein Song von MDK. Der Titel passt programmatisch ganz gut in diese wirre Melange aus musikalischen Peinlichkeiten, üblem Kommerztrash und einigen wenigen Indie-Perlen, für die der frühere MDK-Kritiker Burghard Rausch, der mittlerweile für Radio Bremen arbeitet, verantwortlich zeichnet. »Das Ergebnis ist eine völlig willkürliche Zusammenstellung«, grinst Hauptvogel. Doch ihm sei das egal: »Für mich gibt es eh’ keine Feinde«, sagt er. »Ich habe immer an Veränderungen positiver Art geglaubt, beispielsweise, dass sich irgendwann die Psychiatrien und die Gefängnisse öffnen.« Auf dass aus alten Feinden neue Freunde werden!

Volker Hauptvogel: Fleischers Blues. Martin Schmitz Verlag, Berlin 2016, 240 S., 14,80 Euro

Volker Hauptvogel: »Fleischers Blues« (Hörbuch), 4 CDs, (Deutsche Grammophon), 16,99 Euro

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