Aus: Ausgabe vom 12.03.2016, Seite 10 / Feuilleton

Kinder, die nie älter werden

Den kleinen Pfennig, die Findigs und die Neumanns gibt es auf CD

Von Thomas Behlert

Wer Kinder ruhigstellen will, der übergibt ihnen in der heutigen Zeit ein elektronisches Spielgerät und lässt sie damit langsam, aber sicher verblöden. In früheren Zeiten wurden Sport, Spiel und zu bestimmten Zeiten auch das Radio empfohlen, DDR-Bürger, die ihre Kinderzeit nicht verleugnen, erinnern sich an viele schöne Stunden mit dem Berliner Rundfunk oder Radio DDR I. Als man noch den Kindergarten oder die Unterstufe der Polytechnischen Oberschule besuchte, war die Sendung »Aus dem Butzemannhaus« Pflichtprogramm. Jeden Tag von 8.40 Uhr bis zu den ewig dauernden Neun-Uhr-Nachrichten präsentierten ordentlich ausgebildete Sprecher kindgerechte Themen, Märchen und lustige Lieder. Es gab aufregende Geschichten über einen Hund, der nicht bis drei zählen konnte, und Märchen über verzauberte Bäume. »Bauer Lindemann« berichtete aus dem Leben in den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, »Käpt’n Brise« von der Küste. Schließlich schlüpfte am Sonnabend Waltraut Kramm in die Rolle des »Kleinen Pfennig«, der an vielen möglichen und unmöglichen Stellen Abenteuer mit seinen Besitzern erlebte.

Für die größeren Kinder gab es auf den Frequenzen des Berliner Rundfunks den Dauerbrenner »Was ist denn heut’ bei Findigs los?«. Von Montag bis Freitag, gab es fünf entscheidende Minuten, von 6.55 Uhr bis 7.00 Uhr. Am Sonntag konnte man ausschlafen und sich für die Findigs mehr Zeit nehmen, nämlich von 10.00 Uhr bis 10.30 Uhr. Von 1958 bis zur letzten Sendung am 28. September 1990 ging es um den Alltag einer normalen DDR-Familie mit vier Kindern, die nie älter wurden, nur ihre Sorgen in der Schule wechselten. Auch gab es verzwickte Situationen im Pionierleben zu meistern. Nur am 13. August 1961 kamen sie nicht über den Sender, weil an diesem Tag die Erklärungen zur Sicherung der Staatsgrenze der DDR verlesen werden mussten.

Von diesen Kindersendungen, wie auch vom beliebten Familienhörspiel »Neumann 2 x klingeln«, kann man jetzt Tonträger erwerben. Die »Neumanns« sind dabei etwas Besonderes, denn sie gelten als Antwort auf die »Hesselbachs«, die der Hessische Rundfunk 1960 ersonnen hatte, um die Abenteuer eines kleinen Druckereibesitzers zu erzählen. In entscheidenden Momenten brach dessen Ehefrau theatralisch zusammen, nicht ohne ihre Medizin zu verlangen: »Karl, mei Drobbe!« Bei den Neumanns hatten sich eine Lehrerin (Brigitte Krause) und ein Maschinenschlosser (Herbert Köfer) lieb, von 1967 bis 1981. Bei ihnen wurde beispielsweise die Frage diskutiert, ob »Knutschen« ein Kraftausdruck sei. Es ging aber auch um die Arbeit in der Brigade und einen wichtigen Kampf namens Einkaufen. Die Neumanns trafen sich jeden Sonntagmorgen in den heiligen Rundfunkhallen in der Nalepastraße in Berlin-Köpenick, um die Sendung aufzunehmen, die dann frisch am Abend ausgestrahlt wurde. Neben unvergesslichen Aussagen, wie: »Der bequemste Weg ist nicht immer der einfachste Weg« gab es eine unvergessliche Schrecksekunde, als nämlich der Vater seine Tochter aufklären wollte, dabei im Kinderzimmer rauchte und diese ihm sogar einen Aschenbecher reichte.

»Aus dem Butzemannhaus«, »Was ist denn heut’ bei Findigs los?«, »Neumann 2 x klingeln« (alle Icestorm)

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