Aus: Ausgabe vom 12.03.2016, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Vom Licht zur Schattenbank

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs

Von Lucas Zeise

Schon mal etwas von »Fintechs« gehört? Manche schreiben das Wort auch FinTech. Der Großbuchstabe in der Mitte des auch für die englische Sprache neuen Wortes signalisiert ganz Modernes. FinTech steht für Finanzen und Technologie, also für zwei sich eigentlich ausschließende Begriffe. Hatte nicht ein Banker weise festgestellt, dass der Geldautomat den einzigen Beitrag der Finanzbranche zum technischen Fortschritt darstellt? FinTechs im Plural sind Unternehmen, die von sich behaupten, dass sie technischen Fortschritt mit Finanzen kombinieren und daraus viel Gewinn machen.

Unser alter Freund Jörg Asmussen geht nun in die FinTech-Branche. Kein Zweifel, da gehört er auch hin. Geschmeidig, nach vorne blickend, exzellent vernetzt. Der immer noch junge Asmussen hat schon ab 2003 als Ministerialdirektor im Finanzministerium als Scharnierperson zwischen Staat und Hochfinanz eine gewichtige Rolle gespielt. Er überzeugte den damaligen Minister Hans Eichel (SPD), seinen Doktorvater Axel Weber zum Präsidenten der Deutschen Bundesbank zu ernennen. Weber war nicht nur der übliche Reaktionär in diesem Amt, sondern erwies sich auch in der Handhabung der Geldpolitik als besonders unfähig. Zum Lohn wurde Asmussen in der großen Koalition ab 2005 zum Staatssekretär des Finanzministers Peer Steinbrück (SPD) ernannt. In dieser Funktion trug er viel dazu bei, dass 2008 in der Finanzkrise den deutschen Banken die Riesensumme von 480 Milliarden Euro an staatlicher Unterstützung zukam. Zum Dank dafür behielt Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) in der folgenden Rechtskoalition den SPD-Mann als Staatssekretär und beförderte ihn sodann ins Direktorium der Europäischen Zentralbank. Dort muss ihm Unangenehmes zugestoßen sein, denn er warf den Job hin und verdingte sich statt dessen als Staatssekretär im Arbeitsministerium der nächsten großen Berliner Koalition. Auch die Beförderung in den wohldotierten Vorstand der bundeseigenen Großbank KfW war verabredet, aber gelang nicht.

Jetzt also die Flucht nach vorn. Asmussen rückt in den Aufsichtsrat des britischen FinTech-Unternehmens »Funding Circle«. Das Unternehmen ist seriöser, als der Titel FinTech suggeriert. Es vermittelt Unternehmen Kredite, die es bei Kleinanlegern einsammelt. Das funktioniert ähnlich wie bei einer Bank. Nur dass die Bank den Kredit selbst vergibt und damit auch das Risiko trägt, den Anlegern aber nur Minizinsen zahlt. Funding Circle ist wie die anderen FinTechs also ein Ersatz für normale Banken. Unternehmer erhalten Kredit, der von Banken abgelehnt wird, und Anleger erhalten bei relativ hohem Risiko relativ hohe Zinsen, und die Eigentümer schöne Gewinne. Wir gratulieren Herrn Asmussen zu diesem ersten reellen Job. Er ist endlich dort, wovor Schäuble, Steinbrück und Angela Merkel oft in Sonntagsreden gewarnt haben: bei einer Schattenbank.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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