Aus: Ausgabe vom 11.03.2016, Seite 8 / Ansichten

Familienbande des Tages: Die Erdogans

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Emine Erdogan, die Frau des türkischen Präsidenten, hat es nicht leicht. 18 Jahre nach der Eheschließung äußerte ihr Mann 1996 in einem Interview: »Ich war leider nie verliebt gewesen« und »Wir hatten die gleichen Ansichten«. Recep Tayyip Erdogan hat die Kombination von Geschäft, Frömmelei und großosmanischem Schwadronieren zum Erfolgsmodell gemacht – jedenfalls für seine Familie. Demgemäß kommentierte er den internationalen Frauentag am Dienstag : »Für mich ist eine Frau in erster Linie eine Mutter«. Geburtenkontrolle sei ein Versuch, die türkische Nation »auszutrocknen«. Drei Kinder hatte er schon öfter zur Minimalgebärpflicht erklärt. Seiner Bocksparole Kinder, Küche, Kopftuch folgt auch die First Lady. Sie lässt sich heute zwar ihre Kopfbedeckungen von der italienischen Hochpreisschneiderei Prada anfertigen, bei den gleichen Ansichten blieb es aber. Am Mittwoch pries sie in Ankara die Vorzüge der privaten Frauenknäste von Amtsvorgängern ihres Mannes: »Der Harem war eine Schule für Mitglieder der osmanischen Dynastie und eine Lehreinrichtung, in der Frauen auf das Leben vorbereitet wurden«. Das lehrt: Die Knute ist eine pädagogische Errungenschaft. Das absolute Sippengesetz aber lautet: Verwandte zuerst. So wurde der Erdogan-Sohn Bilal reich und dadurch bekannt, dass sein Vater ihn in einem Telefongespräch, das mitgeschnitten und vor zwei Jahren veröffentlicht wurde, anwies, eine Menge Korruptionszaster beiseitezuschaffen. Der Sprössling, der u. a. per Ölhandel dem »Islamischen Staat« unter die Arme greift, entwich bald nach Italien. Am 17. Februar wurde aber bekannt, dass die dortige Justiz gegen ihn wegen Geldwäsche ermittelt. Am 4. März verließ er das Land fluchtartig. In den guten alten Zeiten wäre er im Harem versteckt worden. Aber nationales Erbgut wird nicht mehr geschätzt. Es gilt allein: »Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit« (Karl Kraus). (asc)

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