Aus: Ausgabe vom 11.03.2016, Seite 8 / Ansichten

Kosak und Sultan

Poroschenko besucht Erdogan

Von Reinhard Lauterbach
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Willkommen in Ankara: Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko (l.) auf Staatsbesuch bei seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan (9.3.2016)

Es gibt ein berühmtes Gemälde des russischen Malers Ilja Repin: »Die Saporoscher Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief«. Es zeigt eine Truppe von mutmaßlich schon gut angeheiterten bulligen Gestalten mit malerischen Schnauzbärten, die mit allen Zeichen des Amüsements dem einen unter ihnen, der schreiben kann, einen Text diktieren. Nach der Überlieferung ähnlichen Inhalts, wie ihn Goethe dem Götz von Berlichingen in den Mund gelegt hat.

Heute beruft sich die Ukraine auf das Erbe dieser freien Kosaken. Die, nebenbei bemerkt, historisch gesehen entflohene Leibeigene waren, die sich auf die Räuberei als Erwerbszweig verlegt hatten, wenn sie nicht als Söldner in den Dienst jedes Potentaten traten, der ihnen genug zahlte – ob König von Polen, Sultan oder Zar. Insofern passt es durchaus, wenn sich heute die Aktivisten des Rechten Sektors als Kosaken ausstaffieren. Der Oberkosak von Kiew aber schreibt dem Sultan keine frechen Briefe mehr, sondern bemüht sich um seine Gunst. Petro Poroschenko ist in Ankara, um mit der Türkei eine gegen Russland gerichtete strategische Partnerschaft zu zimmern.

Auch die spiegelt freilich das reale Kräfteverhältnis wider. Anfang des Jahres meldeten die Agenturen, dass die Türkei der Ukraine abgelegte Uniformen ihres Militärs gespendet hat – ukrainische Soldaten klagen in den sozialen Netzwerken inzwischen offen darüber, dass sie nicht einmal Stiefel gestellt bekommen. Und ein türkischer Waffenhersteller hat einen Vertrag unterschrieben, wonach er ukrainische Panzer modernisieren soll – Panzer des Landes, das seinerzeit im Charkower Malyschew-Werk den T34 und in Dnjepropetrowsk die sowjetischen Interkontinentalraketen gebaut hat.

Man ist also versucht, dieses türkisch-ukrainische Bündnis als Schaumschlägerei zweier Möchtegerns abzutun. Aber ganz so harmlos ist es nicht. Ankara finanziert die Ausrüstung eines krimtatarischen Freiwilligenbataillons, das zwar nicht den Schatten einer Chance hat, die Schwarzmeerhalbinsel zurückzuerobern. Aber für etwas Kleinkrieg wird es schon reichen, und in verdeckten Militäraktionen hat die Türkei ja nicht erst durch Syrien einige Erfahrung. Der ukrainische Part dabei liegt darin, das eigene Territorium für diese Umtriebe gegen Russland zur Verfügung zu stellen.

Gesteuert wird diese Partnerschaft ohnehin weder von Kiew noch von Ankara, sondern von Washington. Nachdem sich die Türkei im Herbst mit dem Abschuss eines russischen Flugzeugs aus der Deckung gewagt hatte, ist sie von den USA diskret, aber deutlich zurückgepfiffen worden. Es ist eine alte Taktik Washingtons, die Unternationalismen ihrer Klientelstaaten zu lenken. Das war während des Kalten Kriegs gegenüber der BRD so, als die USA Bonn zwangen, die Schließung der DDR-Grenze 1961 hinzunehmen, und ihm 1989 die Übernahme der DDR gestatteten. So ähnlich wird es diesmal auch sein. Zwei Kettenhunde beschnuppern sich derweil.

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