Aus: Ausgabe vom 10.03.2016, Seite 16 / Sport

Die Welt wird schwarz-weiß

Ab heute wird in Moskau der Schach-WM-Finalgegner von Magnus Carlsen ermittelt. Als Favorit gilt Fabiano Caruana

Von Simon Zeise
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Soll für den Ausverkauf von Schachbrettern in New York sorgen: Herausforderer Fabiano Caruana

Einst sprach der Großmeister im Schach Savielly Grigoriewitsch Tartakower: »Arme Menschen! Wie gleicht ihr in allen euren Unternehmungen dem Schachspieler, der ›die Partie hätte gewinnen können‹.« Zwischen dem 10. und 30. März treffen in Moskau acht Kandidaten aufeinander, um den Herausforderer für den amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen zu ermitteln. Nur einer darf am Ende zum WM-Endspiel (ab dem 11. November) nach New York.

Als Favorit wird Fabiano Caruana gehandelt. Sieben Siege in Serie hat er gegen die besten Schachspieler hingelegt, davon auch einen gegen Carlsen. Caruana hat mit 2.794 Elo von allen Kandidaten die höchste Wertungszahl, ist Weltranglistendritter und zweitjüngster Spieler beim Turnier. Sein Talent blieb nicht lange verborgen. 1992 in Miami als Sohn eines US-Amerikaners und einer Italienerin geboren, wuchs er im New Yorker Stadtteil Park Slope in Brooklyn auf. Im Alter von sechs Jahren nahm er Unterricht beim bekannten Schachlehrer Bruce Pandolfini. Mit zehn schlug er erstmals einen Großmeister (Aleksander Wojtkiewicz). Noch nie gelang dies einem Schachspieler so früh. Die Trophäen, die er damals nach Hause schleppte, waren größer als er selbst.

Als er zwölf Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm nach Europa, wo er bald internationale Turniere für Italien, das Land seiner Großeltern, spielte. Zwei Jahre später erhielt er als jüngster US-Amerikaner den Großmeistertitel. Zehn Jahre lang saß Caruana dann für Italien am Brett, im Mai 2015 wechselte er zum Verband der USA – nicht von ungefähr. Der Kampf um den Titel findet in Caruanas alter Heimat New York statt. Natürlich hoffen die Schachoffiziellen auf einen Finalkampf Carlsen – Caruana. Mit einem ähnlichen Brimborium, wie es um Carlsen in Norwegen ausbrach, wo Schachbretter nach dem WM-Triumph des neuen Volkshelden im Handumdrehen ausverkauft waren.

Der einst sehr schüchterne Caruana wirkt mittlerweile selbstbewusster, Angst vor dem Norweger zeigt er jedenfalls nicht. »Er ist auch nur ein Mensch und macht Fehler. Aber viele halten Carlsen für unbesiegbar und sind eingeschüchtert, wenn sie gegen ihn spielen. Carlsen nutzt diesen Einschüchterungsfaktor auch aus«, sagte Caruana im Interview mit der FAZ.

Und in welcher Verfassung ist der amtierende Champion? Carlsen verfügt über ein intuitives Spielverständnis und wird in dieser Hinsicht mit José Raúl Capablanca und Anatoli Karpow verglichen. Er kann daher viele verschiedene Stellungstypen gut behandeln. In der Eröffnung ist er nicht auf bestimmte Systeme festgelegt, was eine Vorbereitung auf ihn sehr erschwert. Oft vermeidet er weit ausanalysierte Theorievarianten und strebt Stellungen an, in denen er seine Gegner langfristig unter Druck setzen kann. Nach Ansicht des ehemaligen Weltmeisters im Blitz- und Schnellschach, Lewon Aronjan, ist Carlsens größte Stärke seine Selbstbeherrschung, die es ihm erlaube, auch nach eigenen Fehlern weiterzukämpfen. Kritik an seinem Stil hat Carlsen selbst zurückgewiesen. Nachdem der Ehrenpräsident des Deutschen Schachbundes, Robert von Weizsäcker, gesagt hatte, dass Carlsen Viswanathan Anand als Weltmeister abgelöst habe, weil Carlsen »der bessere Sportler ist, und nicht, weil er der bessere Schachspieler ist«, meinte der Bezichtigte, seine Art zu spielen sei eine durchdachte Strategie.

Halten wir es mit dem früheren Weltmeister der Jahre 1921–27: »Der gute Spieler hat immer Glück!« sprach einst José Raúl Capablanca.

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