Aus: Ausgabe vom 10.03.2016, Seite 15 / Medien

Nachdenken im Presserat

Gremium diskutiert intern über Nennung von Herkunft oder Religion bei Straftätern

Zeitungskiosk_45942976.jpg
Was gehört zur seriösen Berichterstattung? Presserat diskutierte am Mittwoch über Angaben zu Herkunft und Religion von Straftätern

Sollen Medien Angaben zur Herkunft oder Religion von Straftätern machen? Eine Orientierungshilfe gibt der Deutsche Presserat in seinem »Pressekodex«, Richtlinie 12.1. Die Meinungen dazu sind kontrovers, Kritik an der Bestimmung ist zuletzt lauter geworden. Am Mittwoch diskutierte das Gremium darüber – nichtöffentlich.

»In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte«, heißt es in der Richtlinie. Eine Nennung ist zwar nicht untersagt, es muss jedoch einen Zusammenhang mit der Straftat geben.

Das Diskriminierungsverbot in Ziffer 12 stand schon 1973 in der ersten Fassung des Pressekodexes. Für die Richtlinie 12.1 gab es sogar eine noch ältere Variante aus dem Jahr 1971. Anlass damals war die regelmäßige Nennung der Hautfarbe in der Berichterstattung über Straftaten US-amerikanischer GIs, die als diskriminierend empfunden wurde.

Die Kritiker sehen heutzutage in der Nennung der Nationalität eines Straftäters eine wichtige Zusatzinformation und fühlen sich und ihre Leser dadurch bevormundet, wenn sie sie nicht nennen dürfen. Bemängelt wird auch, dass die Richtlinie keine klare Antwort wie Ja oder Nein gibt. Die Medien müssen in jedem Einzelfall neu entscheiden. Machen sie entsprechende Angaben zu Straftätern, riskieren sie, dass Leser, die das nicht gutheißen, sich mit einer Beschwerde an den Presserat wenden. Verzichten sie darauf, riskieren sie, dass andere ihnen vorwerfen, nicht die ganze Wahrheit zu sagen.

Bisher beschäftigt das Thema den Presserat von der Zahl der Fälle her eher selten. Wegen der Berichterstattung über die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln sind insgesamt 31 Beschwerden eingegangen, elf davon wurden in der Vorprüfung als offensichtlich unbegründet abgelehnt. (dpa/jW)

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Medien
  • TV-Kanal Telesur wird in Argentinien blockiert. Präsident und Neoliberale machen Front gegen linke Medien
    Volker Hermsdorf