Aus: Ausgabe vom 10.03.2016, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Stoffwechselgift Glyphosat

Zu jW vom 26. Februar: »Ein Gespritztes, bitte«

Das Pestizid und Stoffwechselgift Glyphosat vernichtet nicht nur Unkräuter, sondern findet sich in gesundheitsschädlichen Mengen auch in Nahrungsmitteln wie Eier, Milch und Fleisch wieder. Seriöse Forschungsergebnisse aus Kanada, USA, Frankreich, Schweden usw. belegen Zell-, Leber-, Nieren- und andere Organschäden und eine vielfach giftverstärkende Wirkung durch Zusatzstoffe wie Tallowamine in den handelsüblichen Pestiziden wie Roundup, Glyfos oder Permaclean. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft Glyphosat als »wahrscheinlich krebserregend« ein. Für Agrarregionen Argentiniens, wo das Bodenleben, Oberflächen- und Grundwasser und davon abhängige Kleintiere vergiftet sind, wurde eine Verdreifachung der Krebsrate und eine Vervierfachung der Fehlgeburten und Missbildungen innerhalb von neun Jahren festgestellt.

Die Entscheidung über eine weitere Zulassung liegt beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Das Umweltinstitut München, das gerade den Nachweis von Glyphosat in 14 beliebten Biersorten erbracht hat, fordert, glyphosathaltige Pestizide und überseeische Sojaschrote aus dem Handel zu nehmen. Konzerne wie Monsanto und Syngenta fürchten um ihre exorbitanten Gewinne, die sie bei erst späterem Verbot unter eventuell nicht abgewehrtem TTIP über Schiedsgerichte einklagen könnten.

Rainer Sinz, Solingen

Klassenstandpunkt einnehmen

Zu jW vom 24. Februar: »Sachsen, Nazis und Mentoren«

(…) Wiglaf Droste hat in den meisten Dingen, die er schreibt, recht. In einer Sache aber unterliegt er einem schweren Irrtum. Das betrifft den Satz: »Sie sind nicht verführt oder verblendet, sie sind Nazis aus Neigung, irreparabler Schädigung, Niedrigkeit, Gehässigkeit, sadistischer Freude, und sie sind es aus der Jauchegrube ihres Herzens gerne.«

Die meisten von Pegida über AfD und NPD bis hin zum NSU sind nicht so auf die Welt gekommen und gehören nicht jener Schicht der herrschenden Klasse an, die aus braunen Marschierern großen Nutzen zieht. Sie sind erst zu dem, was sie heute sind, gemacht und verführt worden. Man sollte das verführte Fußvolk einerseits und die Nutznießer, Sponsoren und Drahtzieher andererseits nicht in einen Sack hauen. Hinter all dem braunen Klüngel stecken Geldgeber und »interessierte Kreise«. Für den NSU hat »Die Anstalt« einen Teil der Geldgeber offengelegt. Leider konzentriert sich Antifaschismus heute allzu oft darauf, auf das Fußvolk zu dreschen, und fast nie darauf, die Hintermänner aufzudecken und anzugehen. Er benimmt sich damit wie ein Schachspieler, der glaubt, man siege dadurch, dass man alle Bauern des Gegners schlage. (…)

Es ist höchste Zeit, hier mehr Aufklärung über die Hintermänner zu betreiben, denn sonst bleibt der Antifaschismus weiter ohne nennenswerte Erfolge und irrt orientierungslos, nur auf den hingehaltenen Stock – das Fußvolk – starrend, durch die Gegend. Übrigens nannte man diese Herangehensweise früher »Klassenstandpunkt«.

Peter Andreas Schöbel, per E-Mail

Blöde Klischees

Zu jW vom 27. Februar: »Imagepolitur des Tages: Marzahn Hills«

Selbst Ihr könnt offenbar keinen Artikel über Marzahn schreiben, ohne darin das Wort »Plattenbauten« zu verwenden und es zugleich negativ zu konnotieren, indem es einerseits als die andere (schlechte) Seite der Medaille (respektive »Wahrheit«) präsentiert und zum anderen mit Nazis (»rechte Übergriffe«) in einem Atemzug genannt wird. (…) Die Großsiedlungen prägen den Stadtbezirk – natürlich. Aber: Das ist nicht schlimm. Die »Platte« ist nicht böse. Es wohnen ganz normale Menschen darin. Darunter gibt es beispielsweise ältere Menschen, Migranten, Singles, Mediziner, Hundenarren, und ja, es gibt (leider) auch Nazis, »besorgte Bürger« und ähnliche Arschlöcher, die hier leben und nerven. Aber da kann die »Platte« nichts für. Und auch nicht für den Schwachsinn mit dem Schriftzug auf der »Bodenwelle« Ahrensfelder Berge (übrigens Berlins dritthöchste Erhebung), der kritisiert werden darf und muss – aber bitte ohne blöde Klischees.

A. Dieter, per E-Mail

Nicht erfüllte Hoffnungen

Zu jW vom 1. März: »Eine Alternative«

Vielen Dank an Ingar Solty für diese fundierte, differenzierte und ausführlich begründete Argumentation! Tatsächlich könnte es sich die ganze Welt nur wünschen, dass Bernard Sanders die jetzigen US-Wahlen gewänne. Nur, was dann? Denn, auch wenn die Mehrheit der US-Bevölkerung hinter ihm steht, die systemischen Strukturen und die entsprechenden (…) Mechanismen (…) bestehen dann nach wie vor. Wie an Obama deutlich geworden ist, konnte er die Hoffnungen, die in ihn gesetzt wurden, auch deshalb nicht erfüllen, weil die Mehrheit im Kongress ihn blockierte. Und selbst die ihm (…) zustehenden präsidialen Rechte traute er sich nicht, zu nutzen. Was hindert ihn beispielsweise immer noch, wo doch seine Wiederwahl gar nicht mehr zur Debatte steht, Guantanamo zu schließen? Wie renommierte US-Juristen schreiben, könnte er das auch gegen den Willen des US-Kongresses mit einem Federstrich tun. (…)

Josie Michel-Brüning, per E-Mail

Botschaften ans Inland

Zu jW vom 7. März: »Feindliche Übernahme«

De Maizière zu Massakern und Unterdrückung in der Türkei: »Wir sollten nicht der Schiedsrichter beim Thema Menschenrechte für die ganze Welt sein.« Ach. Jetzt plötzlich nicht mehr? Vor einem Innenminister mit ausgeprägt selektiver Wahrnehmung, dem jegliche Empathie für Opfer von Staatsterror und ermordete Kurden fehlt, kann man sich einfach nur gruseln. Zumal wenn man weiß, dass solche menschenverachtenden Botschaften auch als Warnung ans Inland gemeint sind, falls sich hierzulande doch mal Widerstand gegen kapitalistische Zumuten regen sollte.

Klaus Büchner, per E-Mail

Leider konzentriert sich Antifaschismus heute allzu oft darauf, auf das verführte Fußvolk zu dreschen, und fast nie darauf, die Hintermänner aufzudecken und anzugehen.