Aus: Ausgabe vom 10.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Ihr wollt mir das wegnehmen?

Sehnsucht nach Klarheit: Ein Biopic über den Hollywood-Kommunisten Dalton Trumbo (1905–1976)

Von Peer Schmitt
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Irgendwie immer noch Herr der Lage: Trumbo (Bryan Cranston) im Würgegriff einer Klatschkolumnistin (Helen Mirren)

Zigarette, Schnapsflasche, Jazz, Badewanne, klappernde Schreibmaschine. Dalton Trumbo (Bryan Cranston, der Walter White aus »Breaking Bad«) an seinem Arbeitsplatz. Sind das die Accessoires der schriftstellerischen Arbeit in der »guten alten Zeit«, als die Exzentriker noch Exzentriker waren, und es das alles noch gab: Schreibmaschinen, Zigarettenspitzen, richtige Schriftsteller und eine Filmindustrie, die diese unter Lohn und Brot nahm?

Die gute alte Zeit hatte jedenfalls noch eine deutliche Vorstellung von Lohn und Brot und Streik und Streit und so weiter. Diesen Eindruck will zumindest das Biopic »Trumbo« des Komödienregisseurs Jay Roach hinterlassen.

Nun, Dalton Trumbo war Kommunist (Parteimitglied seit 1943) und neben Edward Dmytryk und Ring Lardner Jr. der prominenteste unter den sogenannten Hollywood Ten, die sich 1948 weigerten, vor dem »Komitee für unamerikanische Umtriebe« über ihre kommunistischen Aktivitäten auszusagen. Trumbo wurde wegen Missachtung des Komitees zu elf Monaten Haft verurteilt, die er 1950 in Kentucky absaß. Im Film sieht man, wie er seine Nichtaussage gekonnt in eine Farce verwandelt, während das Schwarzweiß einer nachgestellten alten Wochenschau in die Farbe jetziger retrospektiver Spielfilmrealität gemorpht wird. »Zahlreiche Fragen können mit Ja oder Nein nur von einem Vollidioten oder einem Sklaven beantwortet werden.«

Trumbo kam wie viele andere auf die »schwarze Liste«. Zwei von ihm verfasste Drehbücher gewannen Oscars, »Roman Holiday« (1953) und »The Brave One« (1956). Sein Name wurde jeweils nicht genannt. Trumbos Mitarbeit am Drehbuch von »Spartacus« (1960) beendete mit seiner Namensnennung dann quasi offiziell die Ära der »schwarzen Liste« in Hollywood. 1971 adaptierte Trumbo seine eigene Romanvorlage »Johnny Got His Gun« (»Johnny zieht in den Krieg«), seine einzige Regiearbeit und einer der wenigen Antikriegsfilme, die diesen Namen auch wirklich verdienen.

In »Trumbo« kann man die Figuen, von denen die Coens in »Hail Caesar« die Karikaturen gezeigt haben, in Aktion erleben. Die fiesen – Hedda Hopper (Helen Mirren), John Wayne (David James Elliott) –, die gebrochenen – Edward G. Robinson (Michael Stuhlbarg) – und die guten – Otto Preminger (Christian Berkel), Kirk Douglas (Dean O’Gorman). Die beste Szene aber gehört John Goodman als Frank King von den King Brothers Productions, einer unabhängigen Klitsche für B-Produktionen, für die Trumbo und viele seiner Freunde unter Pseudonym serienmäßig arbeiteten. Die Szene hat echte Coen-Qualität. Ein Vertreter der Motion Picture Alliance for the Preservation of American Ideals – die Allianz der Reaktionäre, der u.a. John Wayne, Cary Cooper, Ronald Reagan und Walt Disney angehörten, leider auch von mir bewunderte Kräfte wie Leo McCarey oder Barbara Stanwyck – kommt zu Frank King ins Büro, wo deutlich sichtbar u. a. das Plakat des von Trumbo mitgeschriebenen Films »Gun Crazy« (1950) hängt, und droht damit, die von der Allianz kontrollierten Gewerkschaften würden seine Produktionen boykottieren, sollte er Trumbo und seine Freunde weiterhin heimlich beschäftigen. King/Goodman gerät daraufhin ordentlich in Fahrt. Er greift sofort zum Baseballschläger und hält eine gewaltige Rede: »Dann geh’ ich halt nach Downtown und hol mir ’ne Bande Säufer und Nutten. Das macht keinen Unterschied. Ich produziere Müll. Ihr wollt mich in den Zeitungen als rote Socke (»Pinko«) hinstellen. Keiner von den Leuten, die in meine verfickten Filme gehen, kann lesen. Ich bin in diesem Geschäft wegen des Geldes und der Mösen. Und beides fällt von den Bäumen. Ihr wollt mir das wegnehmen? Nur zu. Versucht’s mal. Ich werd’ euch nicht verklagen. Aber das hier (der Baseballschläger, der inzwischen auf den Adamsapfel des Erpressers gedrückt ist) wird das letzte sein, was du siehst, bevor ich dich damit zu Tode prügle.«

Mit Baseballschläger und Analphabetismus sind die politischen Angelegenheiten auf beste Indie-Produzentenart bis auf weiteres geregelt. Eine Klarheit der Anschauung (die Wahrheit liegt im Müll begraben – »Gun Crazy«), wie es sie nicht mehr gegeben hat, seit Walter Benjamin festhielt, dass Kunstbegeisterung dem Kritiker fremd sei.

Da ist deutlich eine Sehnsucht nach »schillernden Charakteren« abzulesen. Leuten wie Frank King oder eben dem flamboyanten, aber politisch weitgehend aufrechten Exzentriker und bisweilen Haustyrannen, Dalton Trumbo, der ohne Schreibmaschinenklappern und Zigarettenspitze nicht leben kann, aber selbst unter bedrohlichsten Umständen – Knast, Berufsverbot, Burnout – letztlich irgendwie immer noch Herr der Lage bleibt.

Das unübersehbar wiedererwachte Interesse an den 1950ern, den Tagen der politischen Paranoia und zugleich den letzten Tagen der »klassischen« Hollywoodperiode, ist wohl auch eine Sehnsucht nach verlässlichen Formen. Wie das Biopic (ein bisschen langatmig, ein bisschen ausgelutscht aber immerhin verlässlich).

»Trumbo«, Regie: Jay Roach, USA 2015 124 min, Kinostart heute

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