Aus: Ausgabe vom 10.03.2016, Seite 4 / Inland

Nicht nur ein Tip

NSU-Prozess: Angeklagter Carsten S. widerspricht den Relativierungen Ralf Wohllebens. Verfahren geht ins nächste Jahr

Von Claudia Wangerin
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Der Angeklagte Carsten S. am 05.Juni 2013 im Gerichtssaal in München

Der Angeklagte Carsten S. hat am Mittwoch im Münchner NSU-Prozess der Aussage des Mitangeklagten Ralf Wohlleben widersprochen. Dieser habe ihm nicht nur »den Tip gegeben«, wo er eine scharfe Waffe bekommen könne, sagte S. vor dem Münchner Oberlandesgericht. Er sei von Wohlleben beauftragt worden, bekräftigte er eine frühere Einlassung. Beide müssen sich wegen Beihilfe zu neun Morden verantworten. Im Gegensatz zu Wohlleben hatte sich S. schon zu Beginn des Verfahrens im Frühsommer 2013 zu dem Vorwurf geäußert. Dabei hatte er Wohlleben und sich selbst erheblich belastet. Allerdings war es nach seiner Aussage der fünf Jahre ältere Wohlleben, der den damals noch heranwachsenden S. um die Jahrtausendwende beauftragt hatte, eine Schusswaffe für die untergetauchten Neonazis Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe zu besorgen.

In der ausgebrannten Wohnung des Trios in Zwickau wurden im November 2011 mehrere Schusswaffen gefunden – darunter eine Ceska 83, die bei der bundesweiten Mordserie an Kleinunternehmern türkischer, kurdischer und griechischer Herkunft in den Jahren 2000 bis 2006 als Tatwaffe benutzt worden war. In einem zynischen Propagandavideo, das Zschäpe am Todestag von Mundlos und Böhnhardt verschickt haben soll, brüstete sich der »Nationalsozialistische Untergrund« (NSU) mit diesen Morden. Nur Zschäpe ist heute als Mittäterin angeklagt – Wohlleben, S. und zwei weitere Männer als Helfer und Unterstützer.

Von den fünf Angeklagten gilt S. als derjenige, der sich als einziger glaubwürdig von der braunen Szene abgewendet hat. Er sei nach eigener Schilderung vor allem aus persönlichen Gründen ausgestiegen. Als Schwuler habe er die Doppelmoral im Umfeld des »Thüringer Heimatschutzes« (THS) und der NPD nicht mehr ausgehalten – Jahre vor Bekanntwerden des NSU.

Wohlleben hatte sich dagegen erst nach zweieinhalbjährigem Schweigen zu Wort gemeldet, was sein Verteidigerteam Ende 2015 als »Akt der Notwehr gegen Lügen und Unterstellungen« ankündigte. Als Wohlleben dann Fragen zu einer Erklärung beantwortete, die er kurz vor der Weihnachtspause vor Gericht verlesen hatte, blieb nur ein relativierendes Kleinreden der eigenen Rolle übrig. Der heute 40jährige sagte, er habe Carsten S. damals den »Tip« gegeben, in welchem Szeneladen er nach einer scharfen Waffe fragen könne. Vor Gericht fügte Wohlleben hinzu: »Es kann sein, dass ich ihm noch gesagt habe: ›Sag zur Not, du kommst von mir‹.« Wohlleben, der nach eigenen Angaben seiner rechten Gesinnung treu geblieben ist, betonte allerdings, er habe diese Waffenbeschaffung »innerlich abgelehnt«, weil er davon ausgegangen sei, Böhnhardt wolle sich im Fall einer drohenden Festnahme selbst erschießen.

Das könnte eine Schutzbehauptung sein. Indirekt lieferte Wohlleben damit aber auch ein zusätzliches Indiz für die These vom Suizid beider »Uwes«. Wohllebens Anwältin Nicole Schneiders befragte dagegen am Dienstag vormittag einen Polizeizeugen intensiv zu den Merkwürdigkeiten bei der Beweissicherung am Tatort – dem ausgebrannten Wohnmobil, in dem sich Mundlos und Böhnhardt am 4. November 2011 in Eisenach erschossen haben sollen. Die Tatortarbeit war seinerzeit noch nicht abgeschlossen, als das Fahrzeug abgeschleppt und in die Halle eines privaten Unternehmens verbracht worden war. »Haben Sie Informationen, ob beim Transport Dinge verrutscht sind?« fragte Schneiders am Dienstag den Polizeibeamten, der das kleinlaut verneinte. Das Fahrzeug war damals über eine Rampe im 40-Grad-Winkel gezogen worden.

In dem Prozess, der jede sachlogische Reihenfolge vermissen lässt, sind bereits Verhandlungstermine bis Januar 2017 angesetzt.

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Wieviel Staat steckt im NSU? Der Prozeß gegen Beate Zschäpe und die Rolle des Verfassungsschutzes

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