Aus: Ausgabe vom 09.03.2016, Seite 16 / Sport

Keine Jungennummer

Latin Lovers

Von André Dahlmeyer
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In Nürnberg einst eine Legende, bei Central mit 33 Jahren in die Albiceleste berufen: Javier Pinola

Einen wunderschönen guten Morgen! Vergangenen Mittwoch dozierte ich in dieser Zeitung: »Aktuell ist Central das Nonplusultra im argentinischen Fußball. Jeder bewegt sich auf dem Platz optimal, auch ohne Ball.« Einen Tag später spielte uns Gerardo »Tata« Martino, Übungsleiter der argentinischen »Albiceleste«, der Nationalauswahl, den Ball zurück und stellte auf einer Pressekonferenz in Buenos Aires fest: »Rosario Central ist das beste Team Argentiniens.«

Die Aussage Martinos war aber vor allem deshalb herzallerliebst, weil Martino wie nur wenige aus dem argentinischen Balltretbusiness 1.000prozentig mit dem Erzrivalen von Central, den Newell’s Old Boys identifiziert wird. Das ist nicht nur einfach eine Jungennummer HSV – St. Pauli oder Hertha – Union. In Argentinien kann dich so was mal ganz schnell den Skalp kosten – um es friedlich zu formulieren. Argentinien auf der Straße ist die Weimarer Republik, in Reinform. Ein Menschenleben zählt rein gar nichts, ungefähr null minus 5.713, und dazu kommt dann auch noch der ganze von Europa finanzierte Drogen- und Menschenhandel.

Für gestern (nach Redaktionsschluss) war die Nominierung für den folgenden Doppelspieltag der WM-Quali Argentiniens angekündigt. Bereits am Montag hatte der Klub Rosario Central via Twitter die Berufung seines Kickers Javier Horacio Pinola in die Selección bestätigt. Ein absoluter Hammer. Der 33jährige Pinola spielte einmal für Argentinien, in einem Friendly-Match kurz vor der Copa América 2007 gegen Algerien in Barcelona. Dann nie wieder. Dann wurde er zum Publikumsliebling beim 1. FC Nürnberg, zehn Jahre lang. Letztes Jahr kehrte er nach Argentinien zurück, zu Central und schlug ein wie eine Bombe.

Eigentlich hatte Martino Rivers Jonathan Ramón Maidana berufen wollen, einen der besten Innenverteidiger weltweit seit Jahren. Leider würdigen die Argentinier ihre Talente ja nie. Jeder kleine Hosenpisser will ein Neuner oder Zehner werden, weil Papa das so befiehlt. Kurzer Sinn: Maidana zog sich in der Nachspielzeit des »Superclásico« zwischen River und Boca am Sonntag (0:0) eine Muskelverletzung zu, fällt erst mal aus.

Nach der letzten Kolumne mandelte sich das Nomadensportstudio zum Gerüchteküchensendemasten auf, wie in den besten Geheimdienstszenarien des Kalten Kriegs. Die Argentinier lieben den Kalten Krieg ja, schon wegen seiner Desinformation. Also es heißt, dass Carlos Tévez nicht berufen wird. Könnte man vertreten. Boca ist aktuell der Schatten eines Schattens, während argentinische Zweibeiner Tore rund um den Planeten erzielen. Fernando Gago soll auch draußen sein. Kann ich mir nicht vorstellen. Ich mochte den 2003 bei der U-17-WM (jW berichtete) in Finnland, dann bei Boca unter Basile. Als er unter Bernd Schuster Meister mit Real Madrid wurde, hab’ ich Gago schon nicht mehr verstanden. Er war definitiv kein Redondo! Gago aus der Selección zu entfernen könnte ein großer Schritt nach vorne sein – aber wagt Martino das wirklich? Gago ist ein Profi im Jammern, nicht mehr.

Zuletzt: Offenbar stehen Berufungen von Leonel Vangioni und dem Patagonier Gabriel Iván Mercado an, beide Außenverteidiger von River Plate. Ramiro Funes Mori, Ex-River und heuer beim FC Everton unter Vertrag, ist ja bereits Nationalspieler. Sollte diese Information also stimmen, hält Martino Wort. Vor ein, zwei Jahren salbaderte er, dass man eigentlich die Viererkette River Plates komplett für die Albiceleste berufen müsste. Das wäre ein drastischer Schnitt und ein unglaubliches Signal: Als Argentinien nach der Brasilien-WM Weltmeister Deutschland auswärts verdrosch, bestand die gesamte Abwehr aus Spielern aus Manchester. Um diesen philosophischen Erdrutsch abzurunden, müsste nur noch River-Torwart Marcelo Barovero für das gestrige Aufgebot berufen worden sein. Nach Nomadensportstudio-Informationen wechselt der übrigens im (europäischen) Sommer zum FC Barcelona.

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