Aus: Ausgabe vom 09.03.2016, Seite 15 / Antifa

Solidarität gegen Islamhass

Deutliches Signal: Dachverband jüdischer Organisationen in den Niederlanden steht nach Attacken an der Seite der Muslime

Von Gerrit Hoekman
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Gegen Pegida, auch in den Niederlanden: Demonstrantin in Amsterdam, 6. Februar 2016

Nach islamfeindlichen Attacken solidarisieren sich in den Niederlanden jüdische Organisationen mit Muslimen. Am vorletzten Samstag waren wieder Brandsätze gegen eine Moschee geflogen. Diesmal in Enschede, dicht an der deutschen Grenze. Es war abends gegen halb zehn, und in dem Gebetshaus an der Tweede Emmastraat befanden sich noch Menschen, darunter auch Kinder, wie der Lokalsender TV Enschede FM berichtete. Zum Glück konnte das Feuer schnell gelöscht werden, Anwohner hielten den Täter bis zum Eintreffen der Polizei fest. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen den 33jährigen wegen Brandstiftung mit terroristischem Hintergrund. Wegen Wiederholungsgefahr sitzt der Beschuldigte in Untersuchungshaft, nach möglichen Komplizen wurde Anfang der Woche noch gefahndet.

In den vergangenen Monaten haben die Angriffe auf Moscheen in den Niederlanden massiv zugenommen. Die Täter sprühen islamfeindliche Parolen auf die Häuserwände, legen Ferkel und Schweinsköpfe vor die Türen der Moscheen und schicken Drohbriefe an die muslimischen Gemeinden. Wenige Tage vor dem Brandanschlag in Enschede erhielten mehrere Moscheen in den Niederlanden ein Schreiben, das wegen seines Duktus und Aussehens stark an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert. Über dem von den Nazis als Emblem eingeführten Reichsadler mit Hakenkreuz im Eichenlaubkranz prangte der Text: »Demnächst! Hoher Besuch! Schweine!« Der Islam sei eine falsche und teuflische Religion.

Der Sprecher einer islamischen Gemeinde in Roosendaal mahnte gegenüber der Lokalzeitung BN/De Stem: »Es ist schade, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Sicherheit nicht mehr selbstverständlich ist. Wir müssen ruhig und nüchtern bleiben.« Der Rat der Moscheen in den Niederlanden rief die Politik dazu auf, die religiösen Stätten besser zu schützen.

Das Echo war durchaus beachtlich. Der niederländische Verband für Progressives Judentum wünschte den muslimischen Gemeinden Kraft. »Die jüdische Bevölkerungsgruppe weiß wie keine andere, wohin das letztendlich führen kann. Das zeigt einmal mehr, wie nötig Juden und Muslime einander haben«, heißt es in einer Pressemitteilung. »Wir rufen die Niederlande auf, echte Solidarität zu zeigen mit allen, die zu einer friedlichen Gesellschaft beitragen«, sagt Ron van der Wieken, Vorsitzender des Centraal Joods Overleg (CJO) auf der Internetseite jonet.nl. Der Dachverband der sieben wichtigsten jüdischen Organisationen im Königreich verurteilte die Drohungen gegen Moscheen in den Niederlanden scharf. »Hierdurch wird ein gesellschaftliches Klima geschaffen, in dem es zunehmend schwieriger wird, eine Lebensüberzeugung in Freiheit zu leben«, so der CJO.

In Enschede schickte die Gruppe »Bruggen Bouwen« (Brücken bauen), die seit 2015 den Dialog zwischen allen Religionsgemeinschaften in der Stadt fördert, eine Delegation mit Blumen zur Moschee. »Wir stehen hinter euch und hinter den Muslimen in den Niederlanden«, heißt es in einer Solidaritätsadresse. Der linksliberale Bürgermeister Onno van Veldhuizen betonte in den Medien: »Ab hier ist Schluss! Einen terroristischen Anschlag haben wir in Enschede noch nie gehabt.«

Überraschend ist die Gewalt gegen Muslime in Enschede allerdings nicht. Dort kämpfen die Islamhasser und Rassisten zum einen gegen die geplante Flüchtlingsunterkunft in einem Vorort, was bereits zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei geführt hat. Zum anderen wird demnächst in Enschede eine neue Moschee gebaut. Zur Zeit tobt ein wütender Streit darüber, ob nach der Einweihung einmal am Tag der Gebetsrufer zu hören sein darf. Die »besorgten Bürger« schäumen.

Mit dem »Strom« der Flüchtlinge und einem angeblich berechtigten Widerstand dagegen haben die Angriffe natürlich nichts zu tun. Sie sind vielmehr Ausdruck einer latenten Fremdenfeindlichkeit, die schon länger gärt und die von Rechtspopulisten wie Geert Wilders seit Jahren angeheizt wird. Bereits Ende 2010 erhielten drei Moscheen in Amsterdam ein anonymes Schreiben, in dem stand: »Wilders wird uns von euch erlösen!« Damals lebten die Syrer noch friedlich in ihrem Land und das Dublin-Abkommen hielt fast jeden Flüchtling von Westeuropa fern.

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