Aus: Ausgabe vom 09.03.2016, Seite 10 / Feuilleton

Greese, Kohlhaase

Jubel der Woche

Von Jegor Jublimov
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»Und plötzlich leuchtet ein Satz« Wolfgang Kohlhaase im Mai 2015 bei einer Ehrung in Schwerin

In den 80er Jahren drehte ein wichtiger Vertreter des Neuen Deutschen Films der Bundesrepublik zwei Filme bei der DEFA, und lernte bei dieser Gelegenheit den Schauspieler Wolfgang Greese kennen und schätzen. 1987 wurde Greese von jenem Peter Schamoni nach München geholt. In »Schloss Königswald« agierte er neben ehemaligen Ufa-Größen wie Camilla Horn, Marianne Hoppe und Marika Rökk – als Butler.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Greese, der gestern 90 Jahre alt geworden wäre, längst viele markante Nebenrollen verkörpert, bei der DEFA und im Fernsehfunk, in Werken von Konrad Wolf, Egon Günther oder Horst Seemann. Seit 1961 war er auch in Abenteuerfilmen und Komödien neben Manfred Krug, Gojko Mitic, Rolf Herricht oder Agnes Kraus aufgetreten.

Fast 200 Rollen vor der Kamera kamen zusammen, doch auch Theater und Funk profitierten von seiner Kunst. Für seine Rolle in Peter Kahanes DEFA-Film »Die Architekten« wurde Greese 1990 als bester Nebendarsteller ausgezeichnet. Einmal spielte er in einer großen Produktion die Titelrolle, im 70-mm-Film »Orpheus in der Unterwelt« kämpfte er 1973 um Eurydike. In den 90er Jahren war er noch präsent, 2001 erlag er einer Krebserkrankung.

Im Klassiker »Ich war neunzehn« (1968) versucht Greese in der Rolle eines Landschaftsarchitekten, den Faschismus zu erklären. Das Drehbuch schrieb Konrad Wolf zusammen mit Wolfgang Kohlhaase. Die beiden arbeiteten von da an eng zusammen. Neben den Wurzeln des Faschismus ging es dem Autor Kohlhaase immer um eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Ergebnisse von bleibendem Wert sind die Berlin-Filme von Gerhard Klein. Renommierte Regisseure wie Frank Beyer, Bernhard Wicki, Heiner Carow, Volker Schlöndorff oder Andreas Dresen haben Kohlhaase-Bücher verfilmt. Nicht zu vergessen sind seine Hörspiele.

Kohlhaases Dialoge haben Leichtigkeit, sind präzise und bestechend. »Meine Vorstellung von Prosa, aber auch von Text in einer Szene ist eher die von einem lockeren Brot«, hat er mal erklärt. »Da müssen Poren sein, es darf nicht zugebacken sein. Damit der Text sich am Ende anhört, als könnte er gerade gesagt worden sein, muss man die Worte ein bisschen verändern, ein bisschen drehen – und plötzlich leuchtet ein Satz.«

Mit Rita Zimmer schrieb Kohlhaase für den Rundfunk die schwarze Komödie »Fisch zu viert«, die später in allen deutschsprachigen Ländern als Fernsehspiel produziert und schließlich auch noch als Musical auf die Bühne kommen sollte. Er hat eine Hand fürs Leichte, liebt Schauspielerinnen mit hintergründigem Humor, wie die aus alten Filmen bekannte Hilde Hildebrand. Am Sonntag feiert Wolfgang Kohlhaase, der vor 67 Jahren mit 18 beim Feuilleton der Jungen Welt begann, 85. Geburtstag.

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